Leopold Schwarzschild: Die letzten Jahre vor Hitler. Aus dem "Tagebuch" 1929–1933. Christian Wegner Verlag, Hamburg, 1966; 295 Seiten, 22,– DM

Nachdem der erste Schwarzschild-Band – "Die Lunte am Pulverfaß" – Artikel des Publizisten aus der Emigration gebracht hat, sind im zweiten Beiträge der Jahre 1929 bis 1933 enthalten.

Golo Mann stellt Schwarzschild im Vorwort Ossietzky und Tucholsky gegenüber, die er offensichtlich nicht sehr schätzt, spricht von seinem in der Geschichte der deutschen Publizistik nahezu beispiellosen politischen Verstand. Doch erwähnt er auch den beispiellosen Irrtum, in dem Schwarzschild befangen war, damals am 30. Januar, dem Tag der "Machtergreifung". Denn da hielt er Hitler für einen Gefangenen der alten "Herrenkaste", und noch Silvester 1932 hatte er geschrieben: "... auch für eine Diktatur der nationalen Konzentration’, das heißt: für ein feudalistisch-faschistisches Duumvirat, werden unter den Verhältnissen, wie sie sich seit Juli entwickelt haben, die Voraussetzungen mit jedem Tag schlechter."

Das kann man wohl eine kräftige Fehlein-Schätzung nennen. Verzeihlich, gewiß. Aber das sympathische Bild des kämpferischen Publizisten wird getrübt, bedenkt man, wie fanatisch er andere "Leute mit Irrtümern", vor allem Brüning, angreift. Und daß er Ebert mit Hitler vergleicht: "Eine gerade Linie, im Geistigen wie im Sachlichen, von 1918 bis 1931, von Ebert, Fritz, zu Hitler, Adolf."

An dieser Stelle ist wohl dem Druckfehlerteufel übel geworden. Denn da steht "Hilter, Adolf" ...

Schließlich muß noch gesagt werden, daß Leopold Schwarzschild in seinem letzten in Deutschland erschienenen Artikel im März 1933 die zerschlagene Sozialdemokratie mit Hohn überschüttete. Die politische Sozialdemokratie, von der er vier Jahre vorher geschrieben hatte: "... die selten noch andere Wahl hat, als vergewaltigt zu werden – in der Opposition – oder sich hinzugeben – in der Regierung."

Auf diese Feststellungen jedoch können dann andere folgen: daß die über dreißig Jahre alten Artikel faszinierend sind. Seinerzeit haben sie Aufsehen erregt, Ärgernis hervorgerufen, und im übrigen sind sie von den Regierenden unbeachtet geblieben. Dieses Schicksal hat Schwarzschild mit seinen besorgten, kritischen Kollegen von heute gemeinsam.