Soviel ist gewiß: Wenigstens sechs Gen-Paare im Erbgut veranlassen den Organismus, ein Gramm des intensiv färbenden Pigments "Melanin" herzustellen, wodurch ein Mensch seiner Farbe nach zum Neger wird. Und die geographische Verteilung der dunklen Hauttypen verleitet zu der Annahme, daß sie in Klimazonen mit viel Sonnenschein einen Anpassungsvorteil haben.

Aber welchen? Warum sind die Neger dunkelhäutig? Alles, was Anthropologen und Physiologen zu diesem Problem bisher ergründet haben, ist noch nicht widerspruchsfrei, die Meinungen sind geteilt. Die meisten Lehrbuch-Autoren geben die Ansicht wieder, der Hautfarbstoff sei ein Schutz gegen die gewebefeindlichen ultravioletten Strahlen. Dafür müßten aber die Farbigen den Nachteil größerer Hitzebelastung in Kauf nehmen, denn dunkle Negerhaut reflektiert vom sichtbaren Sonnenlichtspektrum nur 10 bis 12, helle Haut aber 40 bis 50 Prozent. Schwitzen, schon bei niedriger Temperatur, kann diesen Nachteil kompensieren.

Überraschende Ergebnisse von Tierexperimenten an der Kalifornia-Universität können die Wissenschaftler jetzt dazu anregen, das offenbar komplizierte physiologische Farbigen-Problem von einer neuen Seite her zu untersuchen. Schwarze Vögel, so sagten sich die Zoologen William Hamilton und Frank Heppner, sind Warmblüter wie der Mensch, müßten aber unter der Sonneneinstrahlung erheblich leiden, denn Vögel besitzen keinerlei Schweißdrüsen und haben ohnehin eine höhere Körpertemperatur als Säugetiere.

Die kalifornischen Zoologen gingen von der Hypothese aus, daß der Vogelorganismus eingestrahlte Sonnenwärme zum Aufrechterhalten seiner gleichmäßig hohen Körpertemperatur ausnutzen kann. Der schwarze Farbstoff im Gefieder wirkt wie ein Heizkissen, das mit Sonnenenergie betrieben wird. Scheint die Sonne, dann schaltet der Organismus auf "Sparflamme", das heißt: Schwarze Vögel dürften bei Sonnenschein ihren Stoffwechsel herabsetzen und könnten dann mit weniger Sauerstoff auskommen als weiße Vögel unter den gleichen Bedingungen.

Als Versuchstiere wählten die Forscher den australischen Zebrafinken, eine von Natur aus recht bunte Prachtfinkenart, von der aber in der Domestikation eine weiße Mutante entstanden ist. Ein Teil der weißen Vögel wurde mit einem schwarzen Farbstoff besprüht, so daß weiße und schwarze Vögel der gleichen Art getestet werden konnten. Der Käfig, in dem nun der Sauerstoffverbrauch gemessen wurde, bestand aus Plexiglas; er wurde in ein Wasserbad gestellt, damit sich die Lufttemperatur im Käfig ständig auf 10 Grad stabil halten ließ. Im Käfigdach war eine ultraviolett-durchlässige Scheibe eingelassen, über der als Kunst-Sonne eine 650-Watt-Birne brannte. Durch ein Rohr strömte Luft zu, durch ein anderes wurde die verbrauchte Luft abgesogen und einem Meßinstrument zugeführt, das den Sauerstoffverbrauch registrierte.

Tatsächlich stellte sich heraus: Die schwarzen Vögel verbrauchten bei der strahlenden Kunstsonne weniger Sauerstoff als die weißen. Die eingefärbten Zebrafinken hatten also ihren Stoffwechsel unter der Lichteinstrahlung herabgesetzt. Sie sparten zum Aufrechterhalten ihrer Körpertemperatur Energie-"Kosten", und zwar 22,9 Prozent. "Diese Ergebnisse" – so schrieben die Zoologen in der amerikanischen Wissenschaftszeitschrift Science (13. Januar) – "beweisen, daß warmblütige Tiere die Strahlungsenergie der Sonne absorbieren und ausnutzen können und daß dunkle Pigmente diesen Prozeß unterstützen."

Die Färbung warmblütiger Wesen kann also für ihre Energie-Bilanz von Bedeutung sein. Und die Autoren sind der Ansicht, dieses Prinzip der Auswertung von Sonnenenergie für den Stoffwechsel könne auch für die farbigen Rassen des Menschen gelten. Mit anderen Worten: Dunkle Haut hat in den Tropenzonen der Erde vielleicht über den Ultraviolett-Schutz hinaus einen Vorteil für den Energiehaushalt.