Der Abend, an dem nach fast fünfzehn Jahren der "Mathis" wieder in den Spielplan aufgenommen wurde, begann mit einer Ovation für Hans Schmidt-Isserstedt, der ein allzu seltener Gast am Pult der Hamburgischen Staatsoper ist.

Und in der Tat: Anderen Dirigenten, denen man, wie ihm, fast ausschließlich im Konzertsaal begegnet, mag der Sinn für das Musiktheater allmählich verloren gehen – ihm nicht. Er verfügt nach wie vor über die Sicherheit, Intensität und Präzision, ja, sagen wir ruhig: auch die Routine in der Beherrschung des großen Apparats, die ihn als Opernkapellmeister in seinen jungen Meisterjahren auszeichnete; und dem Orchester, das herrlich musizierte, machte es hörbar Freude, ihm aufmerksam zu folgen,, der jetzt daranging, den "Brocken" zu polieren, die polyphone Dichtung des Werkes aufzulockern, dem Rhythmus Geschmeidigkeit zu geben, die Dürrnisse dort, wo Hindemiths strenge Satzkunst es fast zu weit treibt, grünen zu lassen, Schatten aufzuhellen.

Erweckt die Lektüre der Partitur oft den Eindruck, trockene Motorik herrsche Seiten um Seiten vor – jetzt hörte man: es ist Herzschlag.

Freilich, sie ist ein "Brocken" – diese Oper um die Figur des Malers Grünewald. Das Werk begnügt sich ja nicht damit, die wirre, leidenschaftliche Zeit der Bauernkriege und der Reformation zu schildern und den Brief dramatisch vorlesen zu lassen, den Luther an den Mainzer Kardinal Albrecht schrieb: er solle lieber protestantisch werden und heiraten.

Zwar gelingen dem Textdichter Hindemith ganze Passagen von starker Poesie, besonders dort, wo er in den Wortschatz seiner rhein-mainischen Heimat greift und wo er sich dem Tone eines Grimmelshausen nähert, aber gelegentlich rutscht ihm die Feder aus. Dann "leitartikelt" er, und dabei passiert es beispielsweise, daß einer so modern wie banal sagt: "Ein Schritt von ungeheuren Folgen."

Es ist nun aber Hindemiths ureigenes Bekenntniswerk: Er porträtierte den "Mathis", und meinte sich selbst damit: Denn, die Fragen, die er den Maler stellen läßt, bedrückten ihn schwer: Darf ich ruhig bleiben, wenn die Welt zusammenbricht? Als einzelner abseits stehen, wo es um die Gemeinschaft geht? Mich nicht stören lassen, wenn ringsum und oben und unten Verbrechen geschehen, die zum Himmel schreien?

Es tat Paul Hindemith, der zur "Mathis"-Zeit noch in Berlin lebte, in der Seele wohl, als Furtwängler die heute weltberühmte symphonische Partie der Oper im Konzert aufführte und Monate später seinen aufsehenerregenden Artikel (in der "Deutschen Allgemeinen Zeitung") zur Verteidigung des Komponisten veröffentlichte. Es nützte nichts. Goebbels setzte beide matt.