Spanische Nachrichten voller Widersprüche: Die Zensur ist abgeschafft, doch zwei spanische Schriftsteller wurden vor kurzem zu Freiheits-Strafen verurteilt; das francoistische Regime will entschlossen aus der Isolierung heraus, aber seine Gegner, oppositionelle Politiker und republikanisch gesinnte Schriftsteller, müssen immer noch im Exil leben. Wer im spanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Rojos gekämpft hat, darf zwar seit neuestem wieder nach Spanien einreisen – wer aber dem spanischen Faschismus und der Guardia Civil nach 1939 solche Anklagen ins Stammbuch geschrieben hat wie Ramón José Sender, bleibt auch weiterhin ein Verbannter. Während Sender im amerikanischen Exil längst anerkannt und mit einem staatlichen Literaturpreis ausgezeichnet wurde, hat das bundesdeutsche Lesepublikum von den vier deutschen Übersetzungen aus Senders Werk nur wenig Notiz genommen. Dennoch hat der Verlag die Übersetzung des großen Romans

Ramón José Sender: "Die fünf Bücher der Ariadne" (Originaltitel "Los cincos libros de Ariadne"), aus dem Spanischen von Wilhelm Muster; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 822 S., 28,– DM

besorgen lassen; zugleich redet Walter Boehlich den Lesern in der Suhrkamp-Hauszeitschrift Dichten und Trachten noch einmal in Sachen spanische Literatur und Sender eindringlich ins Gewissen.

Der spanische Bürgerkrieg, im Roman "Der König und die Königin" in gleichnishafter Verkürzung dargestellt, wird hier in fiktiven Augenzeugenberichten vor uns ausgebreitet.

Javier de Baena, ein Schriftsteller und Privatgelehrter, und seine Frau Ariadne berichten vor einer Untersuchungskommission, wie der Krieg in ihr gemeinsames Leben eingebrochen ist und sie auseinandergerissen hat. So etwas wie eine Romanfabel im herkömmlichen Sinn zeichnet sich in den Berichten der beiden Zeugen nicht ab, die treibende Kraft ihrer Erzählungen ist die Verstrickung von Gewalt und Verrat, die ihr Schicksal und ihr Denken beeinflußt. Ariadnes Aussage befaßt sich mit den Machenschaften des Klerus und der Faschisten, von denen sie verschleppt worden war, während Javier seine Position inmitten der zusammengewürfelten republikanischen Brigaden, mit denen er gekämpft hatte, zu klären versucht.

Im Fortschreiten des mörderischen Bruderkrieges erkannte Javier, daß sich die spanische Republik gegen einen zweiten Feind verteidigen muß, der den Terror der Falange mit neuen Mitteln weiterführte: die "Moskowiter", die sowjetischen Instrukteure, und die "Moskaubarden", die stalinhörigen Spanier. Als Javier mehr NKWD-Spitzel als russische Waffenhilfe entdeckte, sah er die spanische Sache auch von links verraten, und sein ganzer Haß richtete sich gegen den "Woshdj" im Kreml, der den Bürgerkrieg nur deshalb hochspielte, um die Spanier so teuer wie möglich verkaufen zu können.

An den Urteilen über das Sowjetsystem erweist sich deutlich, daß die "Fünf Bücher der Ariadne" im Original 1955 erschienen sind, zwei Jahre nach Stalins Tod und ein Jahr vor dem zwanzigsten Parteitag; heute gibt es entgegen Senders düsteren Prophezeiungen kein von der GPU terrorisiertes Subproletariat mehr. Nun ist dieser Roman aber nicht nur eine historisch-politische Analyse, die einmal korrekturbedürftig werden kann, sondern vor allem eine melancholische Geschichte der Liebe und Solidarität, die sich trotz der erbärmlichen Umwelt nicht korrumpieren lassen. Die Rahmenhandlung, das Hearing vor dem fiktiven Untersuchungsausschuß, wirkt neben der psychologischen Genauigkeit und Überzeugungskraft in den Berichten Javiers und Ariadnes oft seltsam fremd und wenig motiviert.