Von Hans Gresmann

Sie mußten sich, gestoßen von johlenden Polit-Rowdys, auf dem Flugplatz unter riesigen Porträts von Mao Tse-tung, Lenin und Stalin hindurchzwängen: letzte Demütigung für jene Russen, die in diesen Tagen Peking in westlicher Richtung verließen und froh sein durften, noch mit heiler Haut davonzukommen.

Der Exodus von Frauen und Kindern sowjetischer Diplomaten aus Peking nahm sich kaum anders aus als vor ein paar Jahren die überstürzte Flucht belgischer Zivilisten aus dem Kongo. Und ebenso wie damals in Brüssel wurde diesmal den Flüchtlingen in Moskau ein von Mitleid und Zorn umhüllter Empfang zuteil.

Wohl nie zuvor sind in der sowjetischen Hauptstadt Koffer entladen worden mit Aufschriften wie "Hängt Breschnew und Kossygin!" Doch noch von anderen Abschiedsgrüßen der Rotgardisten wußten die Diplomatenfrauen zu berichten: Mao-Bücher hatte man ihnen und den Kindern auf den Kopf geschlagen. Ausländische Diplomaten, die aus Solidarität zum Pekinger Flugplatz gekommen waren, bildeten ein Schutzspalier für die bedrängten Sowjetmenschen – und bezogen dabei, wie der britische Geschäftsträger, Fausthiebe. Alles in allem: ein Vorgang von bilderbuchhafter Symbolik.

Moskau hat scharf reagiert. Zum erstenmal drohte der Kreml "Gegenmaßnahmen" an – dies für den Fall, daß die Bedrohung der sowjetischen Botschaft und sowjetischer Bürger in Peking nicht beendet werde. Geduld und Nachsicht des sowjetischen Volkes hätten ihre Grenzen.

Peking zeigte sich völlig unbeeindruckt, drehte den Spieß um und warf den Sowjets – mit dem Blick auf die jüngsten Demonstrationen gegen die chinesische Botschaft in Moskau – "faschistische Gewalttaten" und einen "Rückfall in die Zarenzeit" vor. Der Kreml müsse sich entschuldigen, andernfalls habe die Sowjetunion mit "schwerwiegenden Konsequenzen" zu rechnen, denn die Geduld Chinas sei nicht ohne Grenzen. Die Eskalation der Wut und der Beschimpfungen – sie drückt sich in fast identischen Formulierungen aus. Aber sieht man genauer hin, dann zeigt sich, daß die Provokation von Peking ausgeht und daß Moskau eher reagiert als agiert.

Offenbar liegt China daran, daß nach dem ideologischen nun auch der diplomatische Draht nach Moskau zerschnitten wird. Welches aber mag das Motiv der Pekinger Führung sein? Seit die jüngsten Unruhen im Reich der Mitte aufgebrandet sind, wird die Vermutung immer stärker, daß die Rebellen gegen Mao – oder jedenfalls viele von ihnen – eine neue Anlehnung an die Sowjetunion für notwendig halten. Mag sein, daß auch Moskaus zäher Versuch, eine kommunistische Weltkonferenz zustande zu bringen, von der Absicht diktiert wird, Maos Regime weiter zu schwächen und den chinesischen Rebellen Auftrieb zu geben.