Gabriele Strecker: Der Hessische Landtag. Beispiel des deutschen Nachkriegsparlamentarismus. Verlag Dr. Max Gehlen, Homburg vor der Höhe; 150 Seiten, 9,80 DM

Nutzen und Nachteil der Länder sind ein unerschöpfliches Thema der deutschen Politik. Von den Landtagen ist dabei leider nur selten die Rede. Sehr zu Unrecht, wie uns Gabriele Strecker nun am Beispiel der hessischen Volksvertretung klar macht. Ihr schmaler Band, der so gänzlich unprätentiös geschrieben und gedruckt ist, stellt in Wahrheit eine Pioniertat dar. Mögen es sich die zahlreichen deutschen Politologen von einer klugen Frau, die Praxis und Theorie aufs beste verbindet, sagen lassen, daß die Landespolitik ein vorzügliches Beobachtungsfeld des demokratischen Prozesses ist, wenn man nur beobachten wollte.

Denn Frau Strecker tut gerade dies. Von den Parteien im Landtag ist zunächst die Rede, von ihrer Tradition, ihren Führern, ihren Leistungen und Grenzen. Soziologisches und Statistisches verbindet sich mit Grundsätzlichem, wie etwa in dem Kapitel über Regierung und Opposition. Die kräftigsten Striche aber setzt unsere Autorin, wenn sie von der Atmosphäre des Landtags handelt. Welch ein witziger Einfall, über den Tageslauf und die Erfahrungen des Abgeordneten X an seinem ersten Tag zu fabulieren – und ein Jahr danach. Unsere Schullesebücher seien, so sagt man, arm an politischen Texten. Hier ist einer, der auf amüsante und geistreiche Weise zugleich Nachdenkliches und Menschliches sagt.

Es spricht für die Objektivität unserer Verfasserin, daß sie nicht zögert, der Rolle und Leistung des Landesvaters Zinn ihre Reverenz zu erweisen. Aber dabei fällt sie keineswegs in gouvernementale Anbetung. Für sie ist Georg August Zinn in erster Linie die Mitte des Landtags, der ihn gewählt hat, erster Integrations- und Angriffspunkt der Landespolitik zugleich. Oft hört man, die Gemeinde sei die wahre Schule der Politik. Frau Strecker ergänzt die These: auch der Landtag mit seinen Ausschüssen und Fraktionen ist es. Der Landtag ist nüchterner politischer Betrieb, aber auch ständiges Zusammensein von Interessen und Individuen. Daß es dabei menschlich zugeht, wen wundert es. Doch vergißt Frau Strecker dabei nie, daß auf Institutionen, wie dem Landtag, die Freiheit des Bürgers gründet. Und darum hat sie mit vielen Zahlen und Fakten, mit Lob und Kritik, auch die Farben und Proportionen richtig gesetzt.

Waldemar Besson