Hamburg

Jeden Montagmorgen läßt Oberst Werner Dedekind, Kommandeur des Flugzeuganwärterregiments Uetersen in Schleswig-Holstein, die Rekruten seiner Truppe zählen. Erst wenn er die Gewißheit hat, daß niemand fehlt, wird dem Oberst wieder wohler: "Was bin ich wird daß meine Soldaten wieder vollzählig angetreten sind." Denn von Woche zu Woche fürchtet der Kommandeur Lücken in seinem Regiment.

Grund der für einen Soldaten ungewöhnlichen Furcht ist der Wochenendurlaub seiner Rekruten. Der Passierschein zur Heimfahrt wird nämlich immer häufiger zum Fahrschein in den Tod. Denn Soldaten leben erst nach Dienstschluß gefährlich – im Straßenverkehr. Schon vor einem Jahr klagte ein Pressesprecher der Luftwaffe: "Wir verlieren mehr Piloten auf der Straße als in der Luft."

Tatsächlich bereiten die ständig wachsenden Meldungen über Verkehrsunfälle durch Bundeswehrsoldaten den Truppenkommandeuren weit mehr Kopfzerbrechen als Zapfenstreichüberschreitungen, Kantinenhändel oder gar Manöverpech. Die Todesrate liegt bei Soldaten im Verkehr weit höher als bei Rekruten im Kasernendienst. Im vergangenen Jahr registrierte das Verteidigungsministerium 330 tödliche Verkehrsunfälle außer Dienst. Im Kraftfahrzeugdienst der Bundeswehr kamen dagegen nur 25 Soldaten ums Leben. 1965 meldeten die Einheiten dem Ministerium nach Bonn insgesamt 753 schwere Verkehrsunfälle, in denen Soldaten verwickelt waren. Dabei wurden 251 getötet und 643 zum Teil schwer verletzt. Während der Dienstzeit kamen 102 Soldaten ums Leben, 48 im Kraftfahrzeugdienst, die übrigen bei sonstigen Unfällen. Das Schuldkonto der Rekruten war beachtlich: 421 Unfälle waren von Bundeswehrangehörigen verursacht worden, 124 von Zivilpersonen, bei dem Rest blieb die Schuldfrage ungeklärt.

Die erste Vermutung, die Mehrzahl der Unglücke würden sich während der Wochenendfahrt ereignen, trifft allerdings nicht zu. Die Jahresstatistik zeigt vielmehr: die Zeit zwischen dem täglichen Dienstschluß bis zum Zapfenstreich ist doppelt so gefährlich wie die wöchentliche Heimfahrt. Von 753 schweren Verkehrsunfällen entfielen 455 auf die Nachturlauber am Standort, 192 auf Wochenendfahrer und 106 auf sonstige Ferienfahrten (Sonder- oder Jahresurlaub).

Als häufigste Unfallursache nennt das Bonner Verteidigungsministerium neben Geschwindigkeitsüberschreitungen Trunkenheit am Steuer. Im Jahre 1965 war in 152 Fällen Alkohol im Spiel. Nach den Unterlagen des Statistischen Bundesamtes ist der Anteil an Alkoholsündern bei der Bundeswehr mehr als doppelt so hoch als im zivilen Leben. Kasernendienst macht durstig. Für Trunkenheit am Steuer werden die Soldaten denn auch gleich zweimal hart bestraft: vom Strafrichter der zivilen Gerichte und vom militärischen Disziplinargericht. Major Peter Kommer vom Verteidigungsministerium: "Der Soldat hat mehr als jeder andere die Pflicht, Leben zu schützen. Deshalb wird bei allen Vergehen im Straßenverkehr – sofern Soldaten darin verwickelt sind – geprüft, ob ein Verstoß gegen die Disziplinarordnung vorliegt. Das ist bei Trunkenheit am Steuer eindeutig der Fall." Oberst Dedekind bestätigt die Theorie aus seiner Praxis: "Da sind wir besonders scharf."

Die übrigen Ursachen bei Verkehrsdelikten entsprechen dagegen der Häufigkeit der im zivilen Bereich: falsches Überholen (in 40 von 753 Fällen), Fahren auf falscher Fahrbahn (29), Übermüdung (27), Fehler im Gegenverkehr (22), Nichtbeachten der Vorfahrt (16) und zu dichtes Auffahren (13). Statistisch gesehen läßt sich fast die Ansicht vertreten, daß die Angehörigen der Bundeswehr besonders gefährliche Verkehrsrowdys sind. So entfallen auf je 100 000 Soldaten 55 im Straßenverkehr ums Leben gekommene Rekruten; bei der übrigen Bevölkerung kommen dagegen auf 100 000 Einwohner 27,8 Verkehrstote. Der statistische Schein trügt jedoch. Denn die Verkehrssünder, die sich aus der Bundeswehr rekrutieren, stammen nahezu’ ausschließlich aus den unteren Altersklassen. Es sind 18- bis 25jährige. Das aber sind jene Jahrgänge, die nach den statistischen Erfahrungen auch bei der übrigen Bevölkerung für Verkehrsdelikte besonders anfällig sind.