Unser Kritiker sah:

KAMERADEN

Komödie von August Strindberg

Renaissance-Theater, Berlin

Strindbergs ungeheueres Lebenswerk immer wieder auf noch spielbare Stücke abzuklopfen, ist berechtigt. Von den 58 Bühnenwerken, die der große Schwede geschrieben hat, mag heute dieses, morgen jenes wieder antworten. Erfolg ist allerdings nur zu erwarten, wenn das Theater den zeit- und ichbedingten Stoff so durchsichtig zu machen versteht, daß die menschliche Substanz nacherlebbar wird. Das muß Kurt Raeck für möglich gehalten haben, als er ein Stück von neuem auf den Spielplan setzte, das vom Autor – selten genug bei Strindberg – als eine Komödie bezeichnet wurde. Es ist in zeitlicher Nachbarschaft von "Fräulein Julie" und "Der Vater" entstanden, es stellt sogar dessen unmittelbare Fortsetzung dar.

Ulrich Haupt hat sich ein einziges Mal als Regisseur für solch eine Aufgabe empfohlen: als er im Berliner Renaissance-Theater Ibsens (dann auch nach Hamburg ins Thalia-Theater übernommene) "Hedda Gabler" inszenierte. Da war ein Stoff der historischen Frauen-Emanzipation als psychologisches Kammerspiel angelegt und aus richtiger Personenschau so konsequent gesteigert worden, daß Ibsens Zeitstück die Wucht einer Tragödie bekam. Jetzt ließ sich Haupt anscheinend durch die Bezeichnung "Komödie" und zugleich durch die Tatsache irritieren, daß Strindberg die Emanzipationsideen Ibsens verspotten wollte. Aber der kritische Ansatz des Autors reicht tiefer als die Inszenierung.

Bertha, die Tochter des Rittmeisters aus "Der Vater", ist Malerin geworden und lebt in Kameradschaftsehe mit dem Maler Axel. Ihre weibliche Natur wurde so böse, wie ihre Mutter es war, als sie des Rittmeisters Vaterschaft in Zweifel zog. Jetzt demütigt auch Bertha ihren Mann, der zugleich ihr beruflicher Konkurrent ist. Im dritten Akt rafft sich Axel dazu auf, seine Frau an die Luft zu setzen.