Von Hans Peter Bull

Kurt Rossa: Todesstrafen. Ihre Wirklichkeit in drei Jahrtausenden. Gerhard Stalling Verlag, Oldenburg; 245 Seiten, 22,80 DM.

"Es erscheint mir widersinnig, daß die Gesetze, die der Ausdruck des öffentlichen Willens sind und die Tötung eines Menschen ablehnen und bestrafen, selber sie vornehmen und, um die Bürger vom Mord abzuhalten, einen öffentlichen Mord anordnen."

Cesare Beccaria 1764

In der Diskussion um die Todesstrafe gibt es kaum noch neue Aspekte. Und doch muß immer wieder diskutiert werden; denn jedes besonders abscheuliche Verbrechen läßt aufs neue jene öffentliche Empörung aufflammen, die im Ruf nach der Todesstrafe gipfelt.

Kurt Rossa, ein jüngerer Dozent und Schriftsteller in Münster, entdeckte eine Lücke in der Literatur: während sehr häufig das Leid der Opfer und der Hinterbliebenen beschrieben wird, haben nur wenige gefragt, was der Täter empfinden mag, der vom Staat ums Leben gebracht werden soll. "Wer von der Todesstrafe redet – er sei dafür oder dagegen –, sollte wissen, wovon er redet", sagt Rossa, und so führt er seine Leser an die Stätten des Grauens, an den Galgen, reben die Guillotine, läßt sie in die Gaskammer und auf den elektrischen Stuhl blicken und vergißt auch nicht, "nationale Eigenarten" zu erwähnen wie die spanische Garotte und den athenischen Schierlingsbecher, der – wie man hier erfährt – in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts in Estland üblich war.

Sensible Naturen mögen die Warnung beherzigen: "Erst da wo die Hygiene aufhört, beginnt die Wirklichkeit." Die "feine Kunst des Henkens" wird mit vielen grausigen Details beschrieben; man liest, wie schwierig es im Zeitalter des Massenmordes noch ist, einen gesunden Menschen mit Sicherheit möglichst schnell und "schmerzlos" vom Leben zum Tode zu befördern – von zahllosen mißglückten Hinrichtungen, von schauderhaften Schlächtereien ist die Rede.