Von Dieter E. Zimmer

Poesie ist heute anlehnungsbedürftig; gerne tritt sie in Verbindung mit etwas anderem auf: Lyrik und Jazz, Lyrik und Beat, Lyrik und Flötenmusik, Lyrik und Schnaps, Lyrik und Interpretation, Lyrik und Doppelinterpretation ... Als stünde sie allein auf schwächeren Füßen.

Das Literarische Colloquium in Berlin hatte sich für seine große, ferngesendete Winterveranstaltungsreihe in der Akademie der Künste eine andere Kombination ausgedacht: Lyrik und Essay – das heißt: Gedichte und Eigeninterpretationen des Autors; zumindest war das die Absicht.

An bisher neun von insgesamt zehn Abenden lasen, rezitierten, deklamierten, interpretierten, erhellten, verdunkelten Poeten aus aller Welt – wichtige Leute. Das Erstaunliche, daß keiner der eingeladenen Dichter, und war sein Weg nach Berlin noch so weit, absagte – das Programm war kein Verlegenheitsprogramm, kein mit Verlegenheitslösungen geflicktes Programm. So wie die Reihe konzipiert war, fand sie statt. Sie kamen aus San Francisco und Prag, aus Gloucester (Massachusetts) und Turin, aus Moskau und Buffalo, aus Stockholm und Belgrad. Nur einer kam nicht, obwohl er es nur ein paar Kilometer weit gehabt hätte: Die DDR-Behörden verweigerten Günter Kunert den Passierschein – seine Texte trug Reinhard Lettau vor. Walter Höllerer hatte tatsächlich eine Weltausstellung der Lyrik und der Lyriker zusammengebracht, HöWeLy 66/67 – und wenn die Exponate zuweilen zu wünschen ließen, dann lag es nicht an den Organisatoren, sondern an dem Weltzustand der heutigen Poesie.

Da war es besonders aufschlußreich, wie die einzelnen Gäste mit dem Auftrag fertig wurden, ihren Gedichten eine Poetologie in eigener Sache hinterherzuschicken. Andrej Wosnessenskij dürfte für die meisten gesprochen haben, als er sagte: "Es ist leichter, ein Gedicht zu schreiben, als über Gedichte zu sprechen." Denn sobald sich ein Werk der Kunst und ganz besonders ein Gedicht auf eine rationale Nachricht reduzieren ließe, wäre es überflüssig, wie man weiß; und nicht zu Unrecht besteht der Verdacht, daß die scharfsinnigsten Anstrengungen der Kritiker, die es katalogisieren und etikettieren und periodisieren, selbst dann, wenn ihre Ergebnisse unanfechtbar sind, von ihm nur einen abstrakten Schemen übrig lassen. Nicht, daß diese Anstrengungen überflüssig wären; sie sind notwendig als stellvertretende Versuche des Lesers, sich dessen, was für ihn bestimmt ist, zu bemächtigen, es sich gefügig zu machen. Aber immer bleibt ein Rest, in dem sich gerade das Wesentliche verbergen mag – Interpretation kann nur eine Annäherung sein, und die Selbstinterpretation hat es unter Umständen noch schwerer, weil sie eine Fähigkeit der Selbstobjektivierung voraussetzt, die im allgemeinen nicht Menschenart ist.

Wie also entledigten sich die Dichter in Berlin der Aufgabe? Der Black-Mountain-Dichter Charles Olson, massig und abendfüllend, ja abendsprengend, sagte trotz seiner Versprechungen, noch zur "esthétique" zu kommen, schließlich nichts. Und ob seine sprunghaften und elliptischen Sätze Aufschlußreiches zu Tage gefördert hätten, wäre sowieso die Frage gewesen – oder eigentlich schon nicht mehr.

Edoardo Sanguineti von der italienischen Gruppe 63, marxistisch und an Benjamin und Adorno geschult, zerbrach sich den Kopf nicht über seine Gedichte, sondern über die Rolle des avantgardistischen Kunstprodukts zwischen Markt und Museum. Dem Markt wolle es entfliehen, und gerade dadurch lege es sich Reize zu, die ihm in der Konkurrenzsituation willkommene Marktchancen verschafften; das Museum verabscheue es, aber unweigerlich werde auch es selbst museal. Die Schreckvorstellung dahinter war die, daß unter den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen das Kunstprodukt kommerziell verwertbar sei – eine Schreckvorstellung wohl nur für den Neo-Marxisten, der sich nicht fragt, ob der Umstand, daß Gedichte verlegt und verkauft werden, tatsächlich relevant sein müsse für ihre Art und Qualität.