Von Nina Grunenberg

Dortmund

Am Rosenmontag erteilte das Gericht den zehn Angeklagten im Dortmunder Dominas-Prozeß das Schlußwort.

Zuvor hatte aber der alte Bruder, der Geschwister Albrecht und Lia Höhmann, die im September 1964 in ihrer Fernfahrer-Raststätte von der Dominas-Bande erschossen worden waren, ebenfalls noch einmal ums Wort gebeten. Auf ein Blatt Papier, das er umständlich aus der Tasche seines schwarzen Sonntagsanzugs herauszog, hatte er sich aufgeschrieben, was ihn so aufregt, und was er nicht versteht: Der Versuch der Verteidiger, ihre Mandanten zu entlasten.

"Bei einer so grausamen und schrecklichen Tat", las er mit klarer Altmännerstimme vor. In der Anklage war das nur einer von vielen Komplexen, aber für ihn reichte der Mord an seinen Geschwistern aus. Für ihn waren die Mitglieder der Bande, so wie sie da auf der Anklagebank saßen, schuldig, und Dominas war "das feige hemmungslose Werkzeug". Was sollte sich noch um Kleinigkeiten gestritten werden, ob der oder jener geschossen hatte. Rache, Vergeltung wollte er für den Schmerz, der seiner Familie von diesen Leuten zugefügt worden war,

Der Vorsitzende nahm die hilflose Empörung des alten Mannes schweigend zur Kenntnis und wandte sich den Angeklagten zu: "Bei wem dauert es am längsten?" Aber das war bekannt: Petras Dominas hatte fast vier.Monate die Spannung geschürt "Ich werde alles in meinem Schlußwort sagen!" Zehn Stunden wollte er dafür haben. 64 DIN-A 4-Seiten Manuskript hatte er vorbereitet. Das meiste davon umsonst: Auf Bitten des Vorsitzenden strich er sein Konvolut in der Verhandlungspause auf 17 Seiten zusammen.

Zu einer vergleichbaren intellektuellen Leistung waren die anderen Angeklagten nicht fähig gewesen. Jeder von ihnen setzte sich erleichtert wieder hin, nachdem sie den einen Satz frei gesprochen hatten: "Ich schließe mich den Ausführungen meines Verteidigers an." Gekonnt hätte es wohl die mitangeklagte Rechtsanwältin Kreuzer. Doch sie wollte nicht. Und so blieben außer Dominas noch die verfeindeten Brüder Gerhard und Helmut Balk übrig, die – hätten nicht die Wachtmeister eingegriffen – sich noch im Gerichtssaal die "Knochen im Leibe kaputtgeschlagen hätten. Denn Helmut war der einzige der Bande gewesen, der freimütig und bieder alles gestand und alle belastete, vor allen den Dominas, aber auch seine Brüder, manchmal auch sich selbst, aber nicht zu sehr, und immer mit der nötigen Einsicht. "Es ist doch besser", hatte er einmal gesagt, "lebenslang Bratkartoffeln zu essen, als durch so ein Ding in die Kiste zu kommen."