Von Wolfgang Krüger

Die Hiobsbotschaften nehmen immer dramatischere Formen an. Vor gut einem halben Jahr war zu hören, daß die Rentenversicherungen der Arbeiter und Angestellten auch im Jahre 1967 wahrscheinlich noch mit einer halbwegs ausgeglichenen Bilanz über die Runde kommen würden. Im September 1966 war bereits von einem sich ankündigenden Defizit von 770 Millionen Mark die Rede. Gegen Ende des Jahres machte der auf eine Milliarde und mehr heraufkorrigierte Fehlbetrag Schlagzeilen in der Presse. Und vor wenigen Tagen schockierten die Rentenanstalten selbst die Öffentlichkeit mit der Nachricht, daß ihnen in diesem Jahr zur Abdeckung ihrer laufenden Verpflichtungen, soweit das jetzt übersehbar sei, höchstwahrscheinlich fast zwei Milliarden Mark in der Kasse fehlten.

Der Bundesbürger hat bei den turbulenten Ereignissen der vergangenen Monate eine gewisse Übung darin erworben, mit Milliardendefiziten in öffentlichen und halböffentlichen Haushalten ohne schlaflose Nächte leben zu können. In der Tat ist die angespannte und sich im Trend offensichtlich zur Zeit noch weiter verschlechternde Kassenlage der gesetzlichen Altersversicherung auch noch kein Grund zur Panik.

Die Rentenanstalten haben ein Vermögen hinter sich, das mittlerweile die Höhe von etwa 28 Milliarden Mark erreicht hat. Wenn auch eine nur stückweise Mobilisierung dieses Vermögens in der augenblicklichen Situation des Kapitalmarktes volkswirtschaftlich nicht unbedenklich ist, so verfügen sie damit doch immerhin über ausreichende Reserven, um im Notfall selbst größere Kassendefizite ausgleichen zu können.

Aber das ist keine Lösung auf die Dauer. Die aktuellen Liquiditätsprobleme, vor die die Rentenversicherung sich jetzt gestellt sieht, haben nicht nur vorübergehende konjunkturelle Gründe; sie sind der nun nicht mehr zu übersehende Vorbote tiefer liegender struktureller Schwierigkeiten, die auf die Rentenanstalten im Eilschritt zukommen. Diese Schwierigkeiten erfordern langfristige Lösungen, wenn nicht nur die Renten von heute, sondern auch die Renten von morgen und übermorgen gesichert werden sollen.

Daß nach den zehn fetten Jahren zehn magere Jahre folgen würden, ist auch schon seit langem bekannt. Schon im Jahre 1957, als die gesetzliche Altersversicherung reformiert und auf ihre jetzige moderne Grundlage gestellt wurde, waren sich selbst die größten Optimisten klar darüber, daß spätestens in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre, bedingt durch fundamentale Verschiebungen im Altersaufbau der Bevölkerung, Beitragserhöhungen unvermeidlich sein würden.

Der medizinische Fortschritt hat eine steigende Lebenserwartung zur Folge. Vor allem aber beginnen sich jetzt die zwei Weltkriege mit ihren Schwankungen der Geburtsraten und ihren Verlusten von Menschenleben auch auf die Bilanzen der Rentenversicherungen unangenehm auszuwirken. Die geburtenstarken Jahrgänge des Jahrhundertbeginns rücken ins Rentenalter, während sich der Kreis der aktiv im Erwerbsleben stehenden Beitragszahler mehr und mehr aus den geburtenschwachen Kriegs- und Nachkriegsjahrgängen rekrutiert.