Wir Bayern sind stockkonservativ, hinterwäldlerisch, wenn es sich um Fragen der Politik und Kultur dreht. Um ganz sicher zu gehen, halten wir uns (wie schon im Mittelalter) an die Meinung von Kanzel und Beichtstuhl, und die war gegen das Volksbegehren – alles bleibt beim alten: Wir lehnen die Gemeinschaftsschule ab. Was Gott getrennt hat, darf der Mensch nicht zusammenfügen: Katholik bleibt Katholik, Ketzer bleibt Ketzer, Jude bleibt Jude.

Ein Weiberleut wie die Hamm-Brücher, die vor Gescheitheit schon überschnappt, auch noch eine Zugereiste ist, mögen wir in der Politik nicht. Sie wollte uns in die Karten spucken und hat das Volksbegehren aufgezogen. Nun hat sie ihren Denkzettel. Der Zinn, der rote Zar von Hessen, holt sie jetzt als Staatssekretärin in sein Kultusministerium; da paßt sie hin wie unser großer Strauß nach Bonn, und wir sind todfroh, daß wir wieder einen Störenfried loshaben. Wir bleiben christlich, wie es uns in der Schule durch Prügel und den seligen Canisi unauslöschlich beigebracht worden ist. (Wozu sind wir auf Erden? Wir sind auf Erden, um Gott zu dienen und dadurch in den Himmel zu kommen.)

Wir führen gewiß keine Hexenprozesse mehr, aber um ein bißchen Inquisition kommen wir nicht herum. Nun kennen wir die ärgsten Feinde Gottes ganz genau, wir haben ihre Namen schwarz auf weiß: Sie haben beim Volksbegehren unterschrieben, das wird ihnen kein Glück bringen. Wer nicht für uns ist, ist wider uns.

In München haben wir den Dr. Huber im Kultusministerium; vor dem muß man den Hut tief ziehen, der versteht das Sperenzeln. Zuerst verspricht er das 9. Schuljahr, wie es in Hamburg ausgemacht worden war und weil es alle anderen deutschen Länder auch schon haben; dann aber wispert er als Fraktionsvorsitzender der CSU seinen Mannen zu: "Die Bauern mögen das 9. Schuljahr nicht, ihre Kinder wissen auch so, was die Eier kosten und die Kartoffeln und die Milch – also mögen wir das 9. Schuljahr auch nicht, es kostet sowieso wieder nur einen Haufen Geld." Ja, unser Huber!

Der fürsorgliche Landesvater Goppel sagte erleichtert ja. Auch könnte, meinte Goppel, unser Staatshaushalt den Mehrbetrag von 7,3 Millionen Mark für dieses unnütze 9. Schuljahr nicht mehr schlucken, nachdem wir schon 9000 Millionen im Jahr ausgäben. Wir gläubigen Untertanen stehen wie ein Mann hinter unserer Regierung, weil, sie lieber das himmelschreiende Unrecht der Säkularisation von 1803 mit allen Kräften gutzumachen versucht.

Sollte aber das Geraunze um das 9. Schuljahr gar nicht aufhören, schicken wir Vater Goppel und seinen treuesten Diener, den’Landwirtschaftsminister Alisi den Gebarteten, um Entwicklungshilfe nach Senegal oder zu den Kongolesen – sie werden schon nicht mit leeren Händen zurückkommen. Josef Ilmberger