Von Wolfgang Wünsche

Norwegens berühmter Polarforscher Fridtjof Nansen war 1891 zum ersten Male in seinem Leben Augenzeuge eines Skispringens. Fasziniert von der Kühnheit der fliegenden Menschen rief er aus: „Zu sehen, wie ein tüchtiger Skiläufer seinen Luftsprung ausführt – das ist eine der stolzesten Schauspiele, welche uns die Erde zu bieten hat.“

Das „Schauspiel“ bestand aus einem Flug von – 20 Metern ...

In diesen Tagen rüsten die wagemutigsten Skipiloten der Welt zu neuen Taten. Sie werden vom 10. bis 12. Februar wieder einmal auf die Riesenschanze von Oberstdorf steigen und aus 168 Metern Höhe im D-Zug-Tempo hinunterfliegen. Ihr Ziel: den Weltrekord des Norwegers Björn Wirkola, der im Vorjahr 146 Meter weit flog, zu brechen. Wird es gelingen?

Vor 17 Jahren erlebten über 100 000 Zuschauer im Birgsautal von Oberstdorf die ersten gigantischen Hundert-Meter-Flüge auf deutschem Boden. Sie sahen den Schweizer Andreas Däscher, wie er zuerst den modernen „Fisch-Stil“ demonstrierte, indem er den bisher üblichen Armstreck-Stil (Arme beim Flug nach vorne gestreckt) negierte und statt dessen seine Arme nach hinten an den Körper legte, so die Tragfläche des Körpers vergrößerte und lediglich mit den Händen den Flug, kaum merklich, steuerte oder korrigierte. Er segelte aerodynamisch fast vollendet „hinunter in den Schlund“.

Die recht junge Geschichte des Skifliegens begann mit einem handfesten Skandal und mit einer List. Der vom Skisprung geradezu besessene jugoslawische Sportflieger und Ingenieur Stanko Bloudek entdeckte 1933 im Tamartal bei Planica (Jugoslawien) einen gewaltigen Hang, der ständig im Schatten lag. Hier, wo die „schwere“ Kaltluft des Nordhangs ins Tal zog und an einem gegenüberliegenden Südhang von der Märzsonne erwärmt wieder hochstieg, wo die Thermik regierte (und von der die Segelflieger in den Alpen immer wieder profitieren), da errichtete Bloudek eine Mammutschanze. Er wollte diese Thermik auch den Skispringern nutzbar machen. Die gewaltige Schanze besaß einen Höhenunterschied von 152 Metern, ihr Aufsprunghang hatte eine Neigung von 41 Grad. Der Kritische Punkt (KP) – das ist die theoretisch errechnete Höchstweite einer Schanze, die mit voller Sicherheit, das heißt ohne hohes Sturzrisiko, gesprungen werden kann – dieser Kritische Punkt lag bei 108 Metern.

Der Internationale Skiverband (FIS), Jahrzehnte von den Skandinaviern beherrscht, erlaubte damals jedoch nur den Bau von Großschanzen mit einem KP von höchstens 80 Metern. Ingenieur Bloudek kümmerte sich nicht um das Verbot des FIS, und so sprang der norwegische Skikönig Birger Ruud in Planica schon 1934 den neuen Weltrekord von 92 Metern. Der Weltrekord wurde immer wieder verbessert. 1948 stand er auf 120 Meter, da leitete der Oberstdorfer Architekt Heini Klopfer mit dem Bau der Mammutschanze im Birgsautal eine neue Ära im Skiflug ein. Erneut gegen den Willen der FIS, denn Deutschland war durch die Kriegsfolgen im Jahre 1949 noch nicht wieder Mitglied des Internationalen Skiverbandes, war also an das Bauverbot von Riesenschanzen nicht gebunden. 1950 war das gewaltige Projekt vollendet.