Selten wurde während des Krieges in Vietnam soviel über Friedensverhandlungen spekuliert wie vor der Waffenruhe zum Mondneujahrsfest, das in dieser Woche begann. Auftrieb gaben diesen Spekulationen Senator Robert Kennedy, der auf seiner Public-Relations-Tour durch Westeuropa die nächsten Wochen als "kritisch" bezeichnete, und Walt Rostow, ein Berater Präsident Johnsons, demzufolge der Krieg jetzt "in eine äußerst interessante, heikle Phase" eingetreten ist.

Verschiedene Indizien ließen sich so deuten, als ob die Führer Nordvietnams den Beginn von Verhandlungen nur noch von der Einstellung der amerikanischen Luftoffensive abhängig machen. Mehr noch: Angeblich wollte Ho Tschi Minh im Dezember sogar ohne jede Vorbedingung mit Washington ins Gespräch kommen.

Wie ein UN-Diplomat enthüllte – sein Bericht wurde in Washington weder bestätigt noch dementiert – trafen sich in den ersten Dezembertagen US-Botschafter Cabot Lodge undJanusz Lewandowski, der polnische Vertreter in der Waffenstillstandskommission für Vietnam, in der Wohnung des italienischen Botschafters in Saigon. Cabot Lodge soll den Polen gebeten haben, neue Kontakte zwischen Washington und Hanoi herzustellen. Die USA wollten nach seinen Worten vermeiden, daß in Vietnam eine ähnliche Situation wie seinerzeit in Korea entstünde.

Zwei Tage später meldete Außenminister Rapacki nach Washington, Nordvietnam sei mit Gesprächen auf Botschafterebene in Warschau einverstanden. In diesem Moment fielen amerikanische Bomben auf Wohnviertel in Hanoi. Rapacki, so behauptet die UN-Quelle, habe Washington nur noch drahten können, daß die USA bewußt das Friedensgespräch sabotiert hätten.

Ende Januar kam jedoch ein neues "Signal" aus Hanoi: Außenminister Nguyen Duy Trinh erklärte in einem Interview mit dem australischen KP-Journalisten Wilfred Burchett, Gespräche zwischen Nordvietnam und den USA könnten nur stattfinden, wenn die Luftangriffe und alle anderen kriegerischen Aktionen gegen Nordvietnam bedingungslos eingestellt würden. Diese Erklärung wurde dem State Department über zwei Regierungen – vermutlich Paris und Kairo – noch besonders zugestellt.

In Washington mutmaßte der Außenminister Rusk, Nordvietnam habe anscheinend wegen der Ereignisse in China etwas mehr Bewegungsfreiheit als früher. Auf das vage Signal aus Hanoi erklärte Präsident Johnson jedoch im Fernsehen fünfmal nacheinander, er wisse von keinem ernsthaften Versuch Hanois, dem Krieg ein Ende zu setzen. Die USA würden "beinahe jeden" einlenkenden Schritt Hanois zum Anlaß nehmen, um ihre Bombenangriffe zu stoppen. Er würde der anderen Seite mehr als halbwegs entgegenkommen. Gleichzeitig nannte Johnson jedoch noch einmal die amerikanischen Kriegsziele: Selbstbestimmungsrecht und Sicherheit für Südvietnam.

Nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins "Newsweek" hat Nordvietnam Robert Kennedy bei seinem Besuch in Paris einen Drei-Phasen-Plan für Verhandlungen mit den USA übermittelt. In Hanoi, Paris und von Kennedy selbei wurde die Meldung energisch dementiert doch folgten auch bei früheren Sondierungen automatisch Dementis, sobald etwas in der Weltpresse durchsickerte.