Von Ansgar Skriver

Erich W. Gniffke: Jahre mit Ulbricht. Mit einem Vorwort von Herbert Wehner. Verlag Wissenschaft und Politik, Köln; 376 Seiten, 24,– DM.

Am 21. September 1964 starb der erste Ministerpräsident der DDR, Otto Grotewohl. Wenige Tage zuvor, am 4. September 1964, war ein alter Freund und Kampfgefährte des ehemaligen Sozialdemokraten Grotewohl gestorben: Erich W. Gniffke. Grotewohl, gelernter Buchdrucker, der 1912 als Achtzehnjähriger der Sozialdemokratischen Partei beitrat, war von 1921 bis 1923 Minister des Landes Braunschweig und von 1925 bis 1933 sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter gewesen. Während Grotewohl vor 1933 Vorsitzender der Braunschweiger Parteiorganisation war, leitete Gniffke in Braunschweig das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, das die Weimarer Demokratie gegen die Extremisten von Rechts und Links zu verteidigen trachtete. Nach 1933 kaufmännisch tätig, so steht es in Biographien, und im Falle Grotewohl hieß dies: er war Bezirksvertreter der Braunschweiger Herdfabrik "Heibacko", und sein Chef war – Erich W. Gniffke.

Grotewohl war für Arbeitereinheit schon vor Ulbricht. Gemeinsam mit Fechner und Gniffke war er gleichberechtigter Vorsitzender des Zentralausschusses der Sozialdemokratischen Partei, der sich in Berlin gebildet hatte und später mit dem Büro Schumacher im Westen Verhandlungen über den Wiederaufbau der deutschen Sozialdemokratie aufnahm. Fechner hatte sich sofort nach Kriegsende an Ulbricht gewandt und vorgeschlagen, "die ersehnte Einheitsorganisation der Arbeiterklasse zu schaffen". Am 19. Juni 1945 wiederholte der sozialdemokratische Zentralausschuß seine Forderung nach organisatorischer Einheit der beiden Arbeiterparteien. Ulbricht und das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei hielten die Zeit für noch nicht gekommen. Am 21. April 1946 war es so weit: Auf dem Vereinigungsparteitag reichten sich Pieck und Grotewohl die Hand und gründeten die Sozialistische Einheitspartei.

Zwei Jahre nach dem Tode Gniffkes, im Herbst 1966, sind die Erinnerungen Gniffkes an diese Jahre erschienen. Sie machen den politischen Kampf um Deutschland in der ersten Nachkriegszeit wieder lebendig, sie fügen der Zeitgeschichtsschreibung neue Akzente hinzu. Gniffke ist Zeuge für Sätze wie diesen aus dem Sommer 1945 von Otto Grotewohl: "Ein gefährlicher Bursche, dieser Ulbricht, der wird uns noch zu schaffen machen." Es ist natürlich nicht ohne Reiz, in Kenntnis der heutigen Position und des Lebensweges Walter Ulbrichts derartige interne Bemerkungen der damals politisch Handelnden nachzulesen. Eine andere Szene hat bereits die Phantasie westlicher Rezensenten angeregt: "Erst zwei Jahre später informierte mich Grotewohl, daß er Ende Januar 1946 zu Marschall Schukow beordert worden sei. Es sei Schukows Wunsch gewesen, die Vereinigung (der Kommunistischen mit der Sozialdemokratischen Partei, A. Sk.) sofort vorzunehmen. Alle Hinderungsgründe, die Grotewohl ihm angeblich vorgetragen hatte, seien von Schukow zurückgewiesen worden. Schließlich habe der Marschall die höchst verblüffende Frage gestellt: ‚Gibt es persönliche Gründe? Ist Ulbricht nicht genehm? Soll er zurückgezogen werden?‘ Dem Zentralausschuß hat Grotewohl damals diese Unterredung mit dem Marschall verschwiegen." Ernst-Otto Maetzke schrieb dazu in der "Frankfurter Allgemeinen": "So wurde dieser einmal und nie wieder angebotene Preis nicht kassiert. Wer es liest, rauft sich die Haare."

Wir sollten sie uns lieber nicht raufen, denn wer kann sagen, ob der Marschall oder ein anderer seinen Mann nicht wenige Tage später wieder aus der Tasche gezogen hätte, ob Ulbricht sich damals so einfach etwa in die Direktion eines sibirischen Kraftwerkes hätte schicken lassen, das Haupt der durch Wolfgang Leonhard ausführlich beschriebenen "Gruppe Ulbricht"? Gniffkes Erinnerungen, die postum erscheinen, vermögen den Bestand der DDR nicht mehr zu erschüttern. Sie helfen aber zum Verständnis und zum Nachdenken, beispielsweise zum Fragen auch nach der Rolle Kurt Schumachers.

Es gibt Passagen darüber, daß Schumacher in Grotewohl einen Konkurrenten für den späteren Parteivorsitz gesehen habe – ob dieser Faktor zur getrennten Entwicklung in Ost und West beigetragen hat, wird heute kaum mit Sicherheit mehr feststellbar sein. Aber mit innerer Anteilnahme liest man zum Beispiel den Bericht Gniffkes über Gespräche mit Schumacher in Wennigsen, Hannover und Berlin.