Von Waldemar Besson

Rudolf Morsey: Die deutsche Zentrumspartei 1917 – 1923. Droste Verlag, Düsseldorf; 651 Seiten, 48,– DM

Wer Zeitgeschichte als Epoche der Mitlebenden begreift, sieht sich zuweilen in einer merkwürdigen Situation. Binnen weniger Jahre wandert oft das, was eben noch wie selbstverständlich zur Gegenwart gehörte und auf das heftigste in ihr umkämpft war, aus dem Blickfeld der jetzigen Generation und lagert sich der Geschichte an. Als Brachers "Auflösung der Weimarer Republik" in der Mitte der fünfziger Jahre die intensive wissenschaftliche Beschäftigung mit der Weimarer Republik einleitete, schien es so, als tue man nichts anderes, als ein Stück der eigenen Zeit zu untersuchen und zu deuten. Nach zehn Jahren ist diese Phase zu Ende. Rudolf Morseys Buch über das Zentrum beweist es.

In der Zeitgeschichte des Weimarer Deutschland gab es großartig-erregende Kontroversen und Themen. Anfang und Ende der Republik waren ebenso umstritten wie die Rolle ihrer Militärs und Stresemanns außenpolitische Strategie. Als Beispielsammlung wurde die Weimarer Republik den Politologen und Soziologen unentbehrlich, wie sie auch eine unerschöpfliche Fundgrube für Apologeten, Ankläger und Memoirenschreiber darstellte. Das politische Temperament des Historikers, die eine Seite seiner Natur, beherrschte ganz die Szene.

Bei Rudolf Morsey spürt man von alledem nur noch den Nachklang. Das ist kein Einwand gegen sein Buch, ganz im Gegenteil. Wenn nicht alle Zeichen trügen, leitet es nämlich eine neue Phase der Weimarer Geschichtsschreibung ein, in der der unmittelbare Bezug zur Gegenwart fehlen wird, der Historiker gleichsam wieder in seinem eigenen Rechte wirkt. Er handelt nun wieder von den res gestae, nicht mehr von den res gerendae. Wer Bracher mit Morsey vergleicht, spürt, wie sich das wissenschaftliche Klima gewandelt hat. Damit wird nicht behauptet, daß eine politisch inspirierte Zeitgeschichte nicht wissenschaftlich gewesen sei. Aber die Distanz des gelehrten Historikers ist anderer Art, wobei der Wechsel von der einen Perspektive zur anderen mit neuem Gewinn natürlich auch manchen Verlust beklagen läßt.

Der Verfasser besaß für sein Vorhaben die besten Voraussetzungen. Er ist seit langem auf diesem Felde tätig; bereits früher hatte er das Kapitel Zentrum im Sammelband über das Ende der Parteien 1933 geschrieben. Aber jetzt motiviert ihn nicht mehr in erster Linie die politische Streitfrage, sondern der Wille, wenigstens in einem Teilbereich die Vergangenheit möglichst vollständig in ihrem zeitlichen Ablauf zu rekonstruieren. Als langjähriger Mitarbeiter der Kommission für die Geschichte des Parlamentarismus gehört Morsey zu den besten Kennern der deutschen Parteigeschichte in diesem Jahrhundert. Er ging zwar von keinem geschlossenen Aktenbestand aus, aber konnte dennoch aus vielen Quellen schöpfen, und er hat dabei reiche Funde gemacht. Mit hoher Achtung blättert man im Quellen- und Literaturverzeichnis des Verfassers.

Nennen wir also getrost als erstes Verdienst dieses wichtigen Buches die Erschließung neuer Quellen. Das bleibt immer die erste Aufgabe der historischen Zunft. Von neuen Quellen fallen auf eine Reihe wichtiger Ereignisse und Personen in der Frühzeit der Weimarer Republik neue Lichter, überall dort, wo das Zentrum oder seine Führer maßgeblich an der Politik des Reiches beteiligt waren. Naturgemäß stehen die wechselnden Koalitionen des Zentrums im Vordergrund des Interesses, seine taktisch-pragmatische Fähigkeit, sich mit recht verschiedenartigen Partnern zusammenzutun, um dadurch erst parlamentarisches Regieren in Deutschland möglich zu machen. Ein zweiter Themenkreis zielt auf die Verfassungsberatungen, vor allem auf das Verhältnis zwischen dem Reich und den Ländern und die Zukunft Preußens. Das rheinische Zentrum, eine der Säulen des katholischen Deutschland, wird Schwerpunkt der Darstellung, die so delikate Fragen wie die der rheinischen Autonomie oder Separation mit einschließt.