Unerwartet hat sich vor dem britischen Anlauf zur EWG eine neue Hürde aufgetan: der Atomsperrvertrag, über dessen Inhalt sich die drei Atommächte USA, Sowjetunion und Großbritannien bereits weitgehend geeinigt haben.

Kurz bevor Premierminister Wilson nach Bonn flog, um sich für einen Aufnahmeantrag Großbritanniens bei der Brüsseler EWG-Kommission deutschen Beistandes zu versichern, stieß Robert Margulies, das deutsche Mitglied der Euratomkommission, einen Warnruf aus: "Wenn Großbritannien diesen Vertrag unterzeichnet, würde es sich damit selbst den Weg in die EWG verbauen." Grund: Der Atomsperrvertrag ist nicht mit dem Euratom-Vertrag der sechs EWG-Staaten vereinbar.

Der Monopolvertrag der drei Atommächte (Frankreich und China halten sich abseits), auch Nonproliferationsvertrag genannt, soll die Weitergabe von Atomwaffen und Atomexplosivkörpern an andere Länder verhindern. Alle Länder außerhalb des Atomklubs, die den Vertrag ratifizieren, verpflichten sich, keine Kernwaffen zu produzieren oder zu erwerben.

Nach Artikel drei des Vertragsentwurfs sollen alle kernwaffenlosen Partnerstaaten die friedliche Erforschung und Nutzung der Kernenergie von der Internationalen Atomenergiebehörde in Wien kontrollieren lassen. Auch sollen die Wiederaufbereitung von Brennelementen, die Lieferung von spaltbarem Material für zivile Zwecke und der Export von Brutreaktoren, z. B. in Entwicklungsländer, internationaler Kontrolle unterliegen.

In der Euratom besteht aber bereits ein System gegenseitiger Kontrolle bei gleichartiger Abschirmung nach außen. Würde es auf die Wiener Behörde übertragen, in der auch Russen und Amerikaner sitzen, könnten sich die Atommächte, so befürchten Wissenschaftler und Industrielle, Forschungsergebnisse der kernwaffenlosen Staaten aneignen und ihrer Wirtschaft kostenlos zuspielen, ohne zu Gegenleistungen verpflichtet zu sein.

Noch ehe die Euratombehörde ihren Einspruch erhoben hatte, war den Amerikanern dieses Bedenken bereits von Bundesaußenminister Brandt vorgetragen worden, als er seinen Antrittsbesuch in Washington abstattete. Brandt war bemüht, nicht als Störenfried der Entspannung zu wirken, was ihm dadurch erleichtert wurde, daß auch andere "Habenichtse", die technisch durchaus zur Herstellung von Atombomben in der Lage wären, wie Italien, Japan, Israel, Schweden und Indien, mit ihren Sorgen nicht hinter dem Berg hielten.

Der drittgrößte Industriestaat der Welt kann, nach den Worten Brandts, nicht auf das Wissen und Material für den friedlichen Gebrauch, für Erforschung und technische Weiterentwicklung der Kernenergie verzichten, "wenn er sich nicht selbst das Grab schaufeln will". Angeblich brachten die Amerikaner für die Befürchtungen der Bundesrepublik (s. auch S. 36) "Verständnis" auf. Außenminister Dean Rusk meinte jedoch, die Auswirkungen des Vertrages auf die deutsche Industrie seien minimal. Einige der Einwände könnten "möglicherweise" noch berücksichtigt werden.