Otto Brenner, ohnehin das Infant terrible der deutschen Gewerkschaftsbewegung, hat wieder einmal, die Öffentlichkeit gegen sich aufgebracht. Nachdem die Versuche seiner Industriegewerkschaft Metall, die Einkommen der Stahlarbeiter durch höhere Nebenleistungen der Betriebe bei unveränderten Löhnen zu verbessern, fehlgeschlagen sind, hat sie die Lohn- und Gehaltstarife gekündigt. Die Gewerkschaft fordert eine Lohnerhöhung um fünf Prozent.

Früher hätte man eine solche Lohnforderung – aus der ja nach den bekannten Spielregeln der Tarifverhandlungen eine Lohnerhöhung um allenfalls drei Prozent herauskommt – sicher als maßvoll bezeichnet. Heute gilt sie dagegen als Affront, als Brüskierung derer, die sich im Rahmen der "konzertierten Aktion" um eine Dämpfung des Lohnauftriebs bemühen.

Die IG Metall hat das durchaus rechtzeitig erkannt und deshalb versucht, auf höhere zusätzliche Zahlungen und Mehrurlaub auszuweichen – Leistungen, die sich nicht in spektakulären Lohnerhöhungsprozenten niederschlagen und deshalb auch das gegen Lohnsteigerungen besonders empfindliche Wirtschaftsbarometer nicht gleich wieder sinken lassen.

Aber ihr Partner, die Stahlindustrie, ist ein Wirtschaftszweig, der mit dem Rücken gegen die Wand steht. Die Unternehmen kämpfen gegen den Strudel aus sinkenden Erlösen und steigenden Kosten, der sie mit Macht in die Verlustzone zieht. Und schnell hatte man sich ausgerechnet, daß auch die Erfüllung dieser scheinbar harmlosen "Nebenforderungen" eine Erhöhung des Personalaufwands um rund fünf Prozent bedeutet hätte – im Augenblick eine sicher untragbare Belastung.

Weil die tariflichen Vereinbarungen über die Gebiete, auf denen die Stahlarbeiter Forderungen stellten, noch nicht ausgelaufen sind – ein Zwang zu Verhandlungen also nicht bestand –, ließ man die Gewerkschaft mit Minimalangeboten gegen die Wand laufen. Otto Brenner blieb nur die Wahl zwischen Resignation und Kündigung der Lohntarife. Er wählte den zweiten. Weg – er lief in das aufgeklappte Messer der Unpopularität.

Die Zeiten sind schlecht für eine Durchsetzung gewerkschaftlicher Forderungen. Sie stoßen – und das aus guten Gründen – auf wenig Gegenliebe bei Regierung und Öffentlichkeit, sie stoßen aber vor allem auf einen Tarifpartner, der diesmal am längeren Hebelarm sitzt. Denn die Stahlindustrie sucht keine zusätzlichen Arbeitskräfte – sie hat deren zu viele. Wenn die überbetriebliche Zusammenarbeit in den Stahlkontoren beginnt, wird sich das klar zeigen.

Und so wandelt sich die Macht der IG Metall in Ohnmacht. Unsichere Arbeitsplätze sind keine Basis für einen Streik. Otto Brenner wird erkennen müssen, daß er die Spielregeln der "konzertierten Aktion" mißachtet und die falschen Töne geblasen hat.

Heinz-Günter Kemmer