In einer Welt, in der nicht nur Gutes geschieht, sondern auch gemordet wird, muß es Zeitungen geben, die sich für Morde interessieren. Ein Mord oder ein Totschlag ist ein Vorgang, bei dem ein Mensch einen anderen (oder mehrere) umbringt. Damit die Berichte über solche sich häufenden Vorgänge jedoch nicht eintönig werden, kommt es darauf an, die besonderen Umstände mit besonderer Liebe zu schildern. Das ist manchmal nicht leicht. So waren drei Berichterstatter nötig, die mit vereinter Kraft für jene Zeitung, die in Deutschland die stärkste Auflage hat, in der vorigen Woche einen Mordbericht aus Bamberg verfaßten. Einer allein hätte es wohl nicht geschafft.

"Am offenen Grabe blies ein Mörder seinem neunjährigen Opfer einen Trauerchoral. Aber er blies so falsch, daß die Trauergemeinde auf dem Friedhof sofort Verdacht schöpfte! Die Kripo griff ein – und der Choralbläser wurde verhaftet."

Man sieht, wie sehr der geballte Einsatz von drei Berichterstattern sich lohnte. In anderen Blättern, die sich in solchen Fällen nur auf einen einzigen Nachrichtenmann zu stützen pflegen, stand denn auch viel trockener zu lesen, daß in Bamberg ein sechzehnjähriger Lehrling einen neunjährigen Schüler erschlagen und in einen Bach geworfen hatte. Die Leiche wurde gefunden; und bei der Beerdigung fiel auf, daß einer der Musikanten, die am Grabe spielten, sehr erregt war. Er war der Mörder und legte dann auch ein Geständnis ab.

Ein Mord ist in jedem Falle eine schreckliche Sache. Von dieser Feststellung müssen wir ausgehen, damit wir bei der Lektüre des Dreier-Berichts aus Bamberg ernst bleiben. "Fast tausend Leute erschienen zur Beerdigung. In der ersten Reihe stand mit blassem Gesicht der 16jährige mit seinem Tenorhorn."

Aha, ein Tenorhorn! Also doch! Habe ich doch immer geahnt, daß man sich vor diesem Instrument hüten muß. Zwar ist es-größer als eine Trompete und wird im Arm gehalten, so daß es Brust und Angesicht des Bläsers verdeckt. Doch einem Mörder nützt es nichts, sich hinter dem Tenorhorn zu verstecken. Denn die Blässe seines Gesichts leuchtet durch das, Kupfer des Tenorhorns. Hätte er Tuba geblasen, wäre er vielleicht nicht verhaftet worden, jedenfalls nicht auf dem Friedhof.

Das Gefährliche bei einem Tenorhorn ist vor allem, daß es weder Melodie noch Baß spielt. Es tönt vielmehr so mitten in den Akkorden herum. Und während sowohl der Melodie- als auch der Baßbläser einen Fehler korrigieren kann – Variationen entstehen oft auf diese Weise – wird jeder falsche Ton des Teiorhorns zu einer Katastrophe.

In Afrika, um nur ein Beispiel zu nennen, wäre dies vielleicht noch hingegangen. Nicht aber in Deutschland, wo das Volk der Dichter und Denker und Musiker lebt. Und so haben die drei Dichter und Denker einen Ausspruch eines musikalischen Menschen festgehalten, dem es "aufgefallen war, daß der junge Hornist dreimal aus dem Takt kam". Er sagte: "Die meisten seiner Einsätze wareif falsch!" Mit anderen Worten: Er blies so mörderisch falsch, daß der Verdacht nicht ausbleiben konnte: Der und kein anderer!

Es liegt nahe, Friedhöfs-Berichte wie den der Dreiergruppe für schwarzen Humor Zu halten: für unfreiwilligen schwarzen Humor. In Wirklichkeit aber handelt es sich, wie so oft in der Literatur, um weiter nichts als eine Abwandelung eines alten Menschheitsthemas. Will sagen: Was einst den alten Griechen die "Kraniche des Ibikus" waren, das ist den modernen deutschen Nachrichten-Literaten ein Tenorhorn. Sieh da, sieh da, Timotheus!