Von Karl Otto Pohl

Ob man die Veränderungen, die sich in der amerikanischen Wirtschaft vollziehen, als "zweite industrielle Revolution" bezeichnet, oder wie der New Yorker Soziologe Daniel Bell bereits von der "nachindustriellen Gesellschaft" spricht, ist weitgehend Geschmackssache. Sicher ist jedoch, daß Europa mit einigen Jahren Verzögerung ähnliche Entwicklungen erleben wird. Ohne in utopische Phantastereien abzuschweifen, wie sie manche "Zukunftsforscher" lieben, lassen sich drei Tendenzen klar erkennen, aus denen sich weitreichende Konsequenzen ergeben:

  • Bei der Produktion von Gütern wird der Mensch mehr und mehr überflüssig.
  • Die "Service-Industrien" werden der expansivste Wirtschaftszweig.
  • Der Staat beschäftigt bald ebensoviel Menschen wie die Industrie.

Nach Berechnungen des amerikanischen Arbeitsministeriums wird in zehn Jahren nur noch etwas mehr als ein Drittel aller Erwerbstätigen mit der Herstellung von Gütern beschäftigt sein, während zwei Drittel "Dienste" aller Art leisten werden. Heute arbeiten noch 41 Prozent aller Arbeitnehmer und Selbständigen in der Gütererzeugung, wobei Landwirtschaft, Bauwirtschaft und Bergbau mit zu diesem Bereich gezählt werden.

In der Bundesrepublik sind, um einen Vergleich zu geben, noch rund 62 Prozent der Erwerbstätigen in der Güterproduktion beschäftigt, soviel wie in den USA vor 30 Jahren.

Der Prozeß der Befreiung des Menschen von Arbeiten, die viele Leute auch heute noch allein für produktiv halten, ist also in den USA bereits weit gediehen. Zwei besonders eindrucksvolle und für die Bundesrepublik in mancher Hinsicht lehrreiche Beispiele bieten die Landwirtschaft und der Kohlenbergbau, in denen sich schon in den fünfziger Jahren Entwicklungen vollzogen haben, die bei uns teilweise noch in vollem Gange oder erst am Anfang sind. Vor 30 Jahren war noch rund ein Viertel aller Erwerbstätigen Amerikas in der Landwirtschaft beschäftigt. Heute sind es noch knapp 7 Prozent (in der Bundesrepublik fast 14 Prozent) und bis 1975 wird dieser Anteil auf 4 bis 5 Prozent zurückgegangen sein. Seit 1947 verließen nicht weniger als 3,5 Millionen Farmer und Arbeiter freiwillig oder unfreiwillig die Landwirtschaft. Gleichzeitig stieg jedoch die Agrarproduktion um fast die Hälfte und wahrscheinlich wäre der Anstieg noch weit stärker gewesen, wenn er nicht durch Eingriffe des Staates künstlich gebremst worden wäre.

Fast noch spektakulärer – und unter wenig schönen sozialen Begleiterscheinungen, die für uns kein Vorbild sein dürfen – vollzog sich der Strukturwandel im amerikanischen Kohlenbergbau. Was sich heute an der Ruhr ereignet, ist ein Kinderspiel dagegen. Innerhalb von zehn Jahren, zwischen 1947 und 1957, wurde die Zahl der Beschäftigten im amerikanischen Kohlenbergbau um fast 200 000 reduziert. In den darauffolgenden Jahren bis 1965 verloren weitere 100 000 Bergarbeiter ihre Arbeitsplätze. Heute produzieren wenig mehr als 100 000 Bergleute annähernd so viel Kohle wie 400 000 vor 20 Jahren, nämlich rund 50 Millionen Tonnen. In der Bundesrepublik sind mehr als 30 000 Menschen damit beschäftigt, ein Viertel dieser Menge ans Licht zu schaffen, wobei man allerdings die unterschiedlichen natürlichen Voraussetzungen bedenken muß.