Paris, im Februar

Der französische Wahlkampf hat als Schaugeschäft begonnen, aber je mehr er sich dem Ende nähert, um so härter wird er geführt und um so größer wird der persönliche Einsatz der Kandidaten – vor allem der führenden Männer. Der Aufmarsch des Regierungslagers begann Ende Januar mit einer Veranstaltung, von der ein Teilnehmer sagte: "Wie 1933 in Berlin im Sportpalast." Andere meinten: "Wie bei einem amerikanischen Parteikonvent." Aber beide Vergleiche hinken. Die Versammlung im Pariser Sportpalast kannte weder den frenetischen Jubel vor der glänzenden Fassade noch die Geschäftigkeit dahinter. Die Fassade allerdings war von geschulten Meinungsmachern entworfen worden.

Die weite Halle war durch einen Vorhang aufgeteilt worden in einen großen Zuschauerraum mit langsam ansteigenden Rängen und einen kleineren Bühnenraum. Während Premierminister Pompidou die Rednertribüne vor dem Vorhang bestieg, verlosch alles Licht außer den Scheinwerfern, die auf den Vorhang gerichtet waren. Als dieser plötzlich im Boden versank, sah man auf der Bühne übereinandergestaffelt die 480 Kandidaten der V. Republik, umrahmt von einer Reihe junger hübscher Mädchen in kurzen hellblauen Kleidern, granatrote Bänder im Haar. "Wie ein antiker Chor", meinte eine Pariser Zeitung. Der Chor blieb allerdings stumm. Er konnte dem Beifall, der die Rede des Premierministers gelegentlich unterbrach, nur mit Schwierigkeiten folgen: Die Firma "Service et Methode", in deren Hände der Wahlfeldzug der Regierungsmehrheit gelegt wurde (weil im Dezember 1965, bei der Präsidentenwahl, der Überraschungskandidat der Mitte, Jean Lecanuet, so erfolgreich von ihr beraten worden war), hatte vergessen, auch beim Chor Lautsprecher anzubringen.

André Malraux lieh der Veranstaltung sein edles Pathos. Er meißelte Sätze wie: "Man sagt, wir folgten bedingungslos? – Handelte vielleicht Jeanne d’Arc nur bedingt? und meinte es Clemenceau bedingt, als er erklärte: Ich führe Krieg?" Ein Wissenschaftler, der als ein Kandidat für spätere Nobelpreise gilt, bestieg die Tribüne, um zu bekennen, daß ihm erst die Fünfte Republik die nationale Würde wiedergegeben habe. Das geschah an dem gleichen Tage, an dem die vier letzten französischen Nobelpreisträger die Wähler der Universitätsstadt Grenoble aufforderten, ihre Stimme dem ehemaligen Ministerpräsidenten Mendès-France zu geben – also einem Kandidaten der Links-Opposition.

Aber den Vergleich mit dem Sportpalast von 1933 sollte man vergessen. Dies ist ein richtiger Wahlkampf, auch wenn die Regierung ein paar kleine Vorgaben hat. Die wichtigste dieser Vorgaben kann man ihr nicht vorwerfen: Sie hat in General de Gaulle einen Vordermann mit Legende. Man kann dem Staatspräsidenten de Gaulle vorwerfen, daß er sich wie ein Parteiführer – und mit Hilfe des staatlichen Fernsehens, also mit zusätzlichen Wahlsendezeiten – am Wahlkampf beteilige. Aber die Mehrheit, die vor drei Jahren dem Vorschlag zustimmte, das Staatsoberhaupt in direkter Volkswahl zu benennen hat ihm die politische Arena schon geöffnet.

Die amerikanischen Züge im Wahlkampf tauchen bei den meisten Parteien auf. Das geht bis zum gecharterten Flugzeug oder Hubschrauber für die führenden Männer. Und alle möchten sie auch den Wahlkampf "personalisieren", das heißt auf prominente Politiker abstellen, die man ganz Frankreich in Großaufnahme bieten kann.

Auf vielen Wahlplakaten der "Föderation der demokratischen und sozialistischen Linken" sieht man zwei Köpfe: Den Wahlkreiskandidaten neben François Mitterrand, der ihn vorstellt. Auch "Jean Lecanuet stellt vor...". Beide, Mitterrand und Lecanuet, sind durch den Präsidentschaftswahlkampf bekannt geworden. Beide Lager, die nichtkommunistische Linke und die Mitte, inszenierten auch die Vorstellung der Kandidaten in einer Großveranstaltung. Im dritten großen Lager der Opposition, bei den Kommunisten, hat man es schwerer. Waldeck-Rochet ist nicht Maurice Thorez. Der Parteiapparat, nicht ein Mann, patroniert die Kandidaten, und das merkt man auch an der Auswahl. Im Pariser Quartier Latin etwa, wo die "kulturelle Revolution" Pekings einige Unruhe hervorrief, weist die Partei nicht einen ihrer namhaften Intellektuellen vor, sondern ausgerechnet einen Autobusschaffner.