Von Nina Grunenberg

Köln

Nach fünfeinhalbstündiger, erregter Diskussion entschied der Vorstand der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit am letzten Montag abend: Die Woche der Brüderlichkeit findet statt. Es soll allerdings eine Arbeitswoche werden, mit Vorträgen und Diskussionen, ohne Feierlichkeiten, ohne schöne Worte, ohne Hosianna und Halleluja.

Woher solche Zurückhaltung? Die Gesellschaft der Christen und der Juden sieht sich "am Ende einer Illusion", seit der amerikanische Rabbiner Dr. Max Nußbaum den Kölner Kardinal Frings besucht hat.

Der Rabbiner hatte Ende Januar auf dem Rückweg von Israel nach Amerika in der Bundesrepublik Zwischenstation gemacht. Er hielt Vorträge vor jüdischen Gemeinden und versuchte, sich in Gesprächen mit dem evangelischen Bischof Scharf, mit dem katholischen Weihbischof Neuhäusler und anderen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ein Bild von den Gefahren durch die NPD zu machen. Am 19. Januar traf er in Köln mit Kardinal Frings zusammen. Noch während seines Aufenthalts in der Domstadt versuchte der Rabbiner den Redakteur des "Kölner Stadtanzeigers", Wilhelm Unger, zu erreichen, der zugleich der Vorsitzende der örtlichen christlich-jüdischen Gesellschaft ist. Als Unger, der nicht zu erreichen gewesen war, ein paar Tage später erfuhr, was ihm der Rabbiner vermutlich anvertraut hätte, ahnte er, welche Gewissensqualen ihm durch Zufall erspart geblieben waren: Hätte er verschweigen sollen oder hätte er verbreiten müssen, was der Rabbiner von dem 80jährigen Kardinal Frings erfahren hatte?

Der "Spiegel" verbreitete es am 30. Januar unter der Rubrik "Personalien". Ausführlicher berichtete am 3. Februar die "Allgemeine Unabhängige Jüdische Wochenzeitung", der Rabbiner sei vom Kardinal "mit provokatorischen Redensarten antijüdischer Tendenz" überrascht worden. In dem einstündigen Gespräch habe der Kardinal die Gründe für den Antisemitismus in der Zeit des Nationalsozialismus erläutert. Vor allen Dingen der offen zur Schau getragene Reichtum der Juden sei daran mit schuld gewesen. Heute gäbe es nur noch kleine jüdische Gemeinden, es bestünde auch keine nationalsozialistische Gefahr mehr. Der Kardinal habe die nationalsozialistischen Verbrechen bedauert und hinzugefügt: "Auch die Alliierten begingen Sünden, beispielsweise Bombardements von Dresden und den Kirchen." Der Rabbiner habe darauf erwidert, "daß der Krieg zwar stets ein moralisches Übel ist, daß man doch aber nicht die Kriegsbombardements mit dem kalten, systematischen Mord von sechs Millionen Juden vergleichen kann". Daraufhin habe der Kardinal gefragt: "Sind Sie sicher, daß es sechs Millionen waren?"

Der Verfasser des Artikels in der Wochenzeitung war Alfred Wolfmann, Bonner Korrespondent der israelischen Tageszeitung Yedeth Achrooth in Tel Aviv und der Nachrichtenagentur Jewish Telegraphic Agency, London–New York. Er hatte den Rabbiner am Ende seiner Reise am 25. Januar im Hamburger Hotel "Atlantic" getroffen, um ihn über seine Eindrücke während seines Deutschlandaufenthalts zu befragen. Und so erzählte ihm der Rabbiner von seinem Besuch bei Kardinal Frings. Wolfmann schrieb noch im Hotel einen Artikel für die Zeitung in Tel Aviv auf deutsch und einen für die Agentur in englischer Sprache. Weil er Schwierigkeiten befürchtete, legte er beide Fassungen dem Rabbiner vor, der sie Wort für Wort durchsah.