Im Lichte einer künstlichen Sonne und im Innern einer Stahlkammer wird der erste deutsche Satellit rotieren, bevor ihn eine amerikanische "Scout"-Rakete in seine Umlaufbahn bringen wird, damit er die klaffende Lücke zwischen Wirtschaftswundervolk und Raumfahrtnation verengen helfe. Der Forschungssatellit 625 A-1, das auf den Namen "Azur" getaufte Kind einer deutschen Firmengruppe unter Vormundschaft der US-Raumfahrtbehörde NASA, wird dabei in einer Raum-Simulationskammer den Bedingungen ausgesetzt, die das Gerät später auf seiner Erdumlaufbahn antreffen wird. Sonnenstrahlung, Vakuum und "Kältesenke" des Weltraums sollen auf den Satelliten einwirken, auch soll er den Druckabfall, der beim Aufstieg von der Startrampe bis zu einer Höhe von 80 Kilometern eintritt, zu spüren bekommen.

Die Wissenschaftler des Instituts für Raumsimulation der Deutschen Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DVL) in Porz bei Köln hoffen zuversichtlich, daß sie einen wesentlichen Teil des Testprogramms übertragen bekommen. Der Auftraggeber des Satelliten, die Gesellschaft für Weltraumforschung mbH, Bad Godesberg, teilt nicht ganz den Optimismus der DVL-Mitarbeiter. Es wird dort nur von Teilprüfungen gesprochen, die in Porz ausgeführt werden sollen. Wie umfangreich sie sein werden, hängt vor allem davon ab, wann die neue Raumsimulationskammer fertig ist, die sich in der Nähe von Ottobrunn im Bau befindet. Die Testanlage in Porz ist die erste ihrer Art in der Bundesrepublik, sie wird zur Zeit gerade erprobt.

Nachdem eine Arbeitsgruppe einige Jahre Vorarbeit geleistet hatte, wurde am 1. April 1964 das Institut für Raumsimulation gegründet. Erst seit dem vergangenen Jahr steht der Neubau mit der 40 mal 16 Meter großen Versuchshalle. Anspruchsvollstes und aufwendigstes Einrichtungsstück ist die große Raumkammer, die im November fertiggestellt werden konnte.

Die Kammer wurde vom Bundesministerium für wissenschaftliche Forschung finanziert. Sie kostete 2,6 Millionen Mark und kann sich sogar nach amerikanischen Maßstäben sehen lassen. Nur wenige Institute besitzen ein gleichstarkes Pumpensystem für Raumsimulationsversuche. Entwicklung und Konstruktion wie auch Bestandteile der Anlage sind "made in Germany".

Herzstück des Testsystems ist der Vakuumkessel, ein sechs Meter langer Zylinder aus rostfreiem Stahl mit einem Durchmesser von dreieinhalb Metern. Pumpen saugen diese Kammer, die einen Rauminhalt von etwa 68 Kubikmetern hat, bis auf den zehnmilliardsten Teil unseres Atmosphärendruckes leer. Auf jeden der beiden gewölbten Deckel von 3,50 Meter Durchmesser drückt daher die Außenluft mit 120 Tonnen. Problematisch war es, die Durchführungsstellen von Kabeln und Leitungen abzudichten. Dieses Problem, konnte aber so gut gelöst werden, daß die evakuierte Kammer erst nach 200 Jahren einen Innendruck von einem Tausendstel unseres Atmosphärendrucks aufweisen würde, wenn man sie sich selbst überließe.

Die künstliche Sonne besteht aus zehn Xenon-Hochdrucklampen, die über ein System von Spiegeln und Quarzlinsen im Innern der Kammer einen Leuchtfleck von 1,3 Meter Durchmesser erzeugen. Jede der Lampen leistet 6500 Watt, die Sonnenstrahlung kann damit bis zu einer Intensität simuliert werden, die der eineinhalbfachen im erdnahen Weltraum entspricht. So wird die Kammer auch noch verwendbar sein, wenn Raumsonden, die zur Venus vordringen sollen, geprüft werden müssen.

Eine sogenannte Kaltwand im Innern der Kammer, die von flüssigem Stickstoff mit einer Temperatur von 196 Grad unter Null durchströmt wird, sorgt für die Weltraumkälte, der Fachmann spricht von der Kältesenke. Es wird damit gerechnet, daß bei ganztägigem Betrieb ein Satellit einen Monat untersucht werden soll. Pro Tag bedeutet das einen Verbrauch an flüssigem Stickstoff von 3000 bis 5000 Litern.