György Ligeti: "Aventures & Nouvelles Aventures", "Atmospheres", "Volumina"; Gertie Charlent, Marie Therese Cahn, William Pearson, Darmstädter Kammerensemble, Leitung: Bruno Mondtag, Südwestfunk-Orchester, Leitung Ernest Bour, Karl-Erik Welin, Orgel; Wergo 60 022, 27,– DM.

Seit Arnold Schönberg 1908 in seinen fünf Orchesterstücken op. 16 einen ganzen Satz damit bestritt, daß er einen Akkord aus fünf Tönen immer wieder anders instrumentierte und so dessen Klangfarbe ständig variierte, spricht die Musiktheorie von "Klangfarbenmelodie".

Der aus Ungarn stammende und in Österreich lebende György Ligeti machte die Variation von Klangfarben zu einem seiner Hauptstilmittel. In den "Atmospheres" wird ein Riesenorchester – 56 Streicher, 22 Bläser, nur auf das modische Schlagzeug ist verzichtet in Einzelstimmen aufgeteilt, eine "Stimme" besteht aus langangehaltenen Einzeltönen, deren Summierung Klänge ergibt, die manchmal die Grenze zum Geräusch weit überschreiten. Da die Dauer der Einzeltöne und -stimmen wechselt, verschieben sich die Instrumentenkombinationen ständig, hohe Lagen wechseln mit tiefen, extreme mit mittleren, die Übergänge sind meist fließend, durch An- und Abschwellen einzelner Stimmen werden die Konturen zusätzlich verwischt. Von den irisierenden, schwirrenden Klängen jedoch geht ein ungewöhnlicher Reiz aus.

In "Volumina" versucht Ligeti, das gleiche Prinzip auf die Orgel zu übertragen: Gearbeitet wird mit Tonklumpen ("Clusters") von verschiedener Größe, die dadurch erzeugt werden, daß der Organist mit der ausgebreiteten Hand oder dem ganzen Unterarm größere Tastenkomplexe herunterdrückt. Dabei kann der Registrant in weiten Grenzen die Register frei wählen, die Farbkombinationen sind somit bei den einzelnen Aufführungen immer wieder neu. In "Aventures & Nouvelles Aventures" schließlich entstehen die verschiedenen Klangfarben durch die Kombination instrumentaler Töne mit vokalen Lauten; eine zweite "Ebene" dieser Komposition: ein Variationsspiel mit dem Ausdruck menschlicher "Grundgestimmtheit" (Trauer, Zorn, Angst).

Es gibt Aufnahmen und Aufführungen dieser Werke, bei denen Ligetis Stilmittel wirkt wie ein Klischee, eine Mechanik. Bruno Maderna, Ernest Bour und der schwedische Organist Karl-Erik Welin zeigen, wie man solche Eindrücke vermeidet. Die Klänge sind raffiniert und kühn gewählt und aggressiv aufgenommen; auch ein distanzierter Hörer wird gestehen, daß das scheinbar Chaotische ihn nicht unbewegt läßt.

Heinz Josef Herbort