Bonn

Siebzehn Jahre nach Gründung der Bundesrepublik wird von amtlicher Seite bestätigt und aktenkundig gemacht, daß Bonn seiner Aufgabe, „die Funktion einer vorläufigen Hauptstadt zu übernehmen, nicht gerecht geworden ist und auch nicht gerecht werden konnte.“ Weiter ist niedergelegt, „daß Bonn im Vergleich zu anderen europäischen Hauptstädten auch nicht annähernd die Autorität und das Ansehen dieser Hauptstädte genießt...“

Diese bitteren Erkenntnisse, die nicht neu sind, aber offiziell nur sehr ungern zugegeben werden, sind in einem Gutachten enthalten, mit dem der gerade abgelöste Kölner Regierungspräsident Professor Heinrich Stakemeier – zu dessen Verwaltungsbereich auch Bonn gehörte – die Stadt Bonn und ihre Umgebung erfreut, verärgert und schockiert hat. Stakemeiers Expertise zur vernünftigen Neugliederung des Bonner Gebietes schließt an ein halbes Dutzend von Plänen und Vorschlägen an, die in den letzten zehn Jahren diskutiert und verworfen wurden; aber kein papierenes Projekt war so mutig, präzise – und auch so aussichtsreich.

Just am 11. im Elften des Jahres 1966 hatte Nordrhein-Westfalens alter und neuer Innenminister Willi Weyer, zuständig auch für „Raumordnung“, den Regierungspräsidenten mit dem Gutachten beauftragt, das er noch im alten Jahr zu Gesicht bekommen wollte. Bereits vier Wochen später, am 8. Dezember, lieferte Stakemeier auf 26 Blatt seine Diagnose des Unvermögens der Stadt Bonn, Metropole der Bundesrepublik zu sein, nebst einer Therapie ab.

Nach Besichtigungen, Konsultationen sowie Lektüre alter und neuer Statistiken und Erfahrungsberichte zog sich Stakemeier mit einem Arbeitskreis von acht Beamten drei Tage in Klausur zurück. Das Gutachten, das dabei ausgebrütet wurde, jagte zuerst sogar dem Auftraggeber Weyer ob der deutlichen Sprache und radikalen Ratschläge ein bißchen Schrecken ein, der inzwischen wohlwollender Betrachtung und Förderung gewichen ist.

In acht Kapiteln mit 28 Unterabschnitten analysierten Stakemeier und seine Helfer vor allem „die Stellung der Stadt Bonn als vorläufige Bundeshauptstadt“ sowie „die Leistungen des Bonner Raumes zur Erfüllung von notwendigen und erwünschten Funktionen einer vorläufigen Bundeshauptstadt“; daran schloß sich die Folgerung, ein „Sondergesetz Bundeshauptstadt Bonn“ zu formulieren.

Auf der Liste der funktionellen Minuspunkte Bonns in dem Gutachten steht, daß nur die Hälfte der 19 Bundesministerien in Bonn untergekommen ist, daß die Ministerien zum Teil sehr weit voneinander entfernt sind; ferner, daß von 91 ausländischen Botschaften nicht einmal ein Drittel, nämlich nur 29, ihre Geschäftsräume in Bonn haben und daß nur 14 Botschafter über eine Residenz in Bonn verfügen.