Ein Buch gilt es anzuzeigen, das das Bild eines prominenten Politikers vervollständigen wird: Milovan Djilas. Da sich der ehemalige Tito-Nachfolger nunmehr das literarische Wort als Kampfmittel erkoren und mehrere Romane aus dem Kerker mitgebracht hat, darf man den Band

Milovan Djilas: "Die Exekution", übersetzt nach der amerikanischen Ausgabe und dem serbokroatischen Manuskript von Reinhard Federmann und Klaus Gatterer; R. Piper & Co. Verlag, München; 317 S., 19,80 DM

als aufschlußreiche Voranzeige verstehen. Diese Geschichtensammlung trägt ihren Titel insofern nicht zu Unrecht, als hier tatsächlich manch einer hingerichtet wird. Der Band enthält für jeden Geschmack etwas: romantische Abenteuergeschichten (Menschenjagd und Fischfang in den schwarzen Bergen), revolutionäre Schauermärchen ("Zwei Welten"), realistische Reportagen ("Exekution", "Feuer und Messer"), ein ungelenkes Referat über ein montenegrinisches Volkslied und vor allem autobiographische Betrachtungen, die sich philosophisch geben, dabei aber nur schwüle Allerweltsweisheiten hervorbringen: "Kein Augenblick unseres Lebens kehrt zurück, wenn wir uns auch noch so bemühen, ihn wieder erstehen zu lassen, und das Leben kann ein Lied, ein Bild, eine Melodie, eine Statue nicht überdauern." Oder: "Ich war siebenundzwanzig und trug schwer an früher Erfahrung und allzu viel Wissen um die Dinge dieser Welt."

In diesem Band sind, abgesehen von dem Ich-Erzähler (den nicht mit Djilas zu identifizieren schwerfällt), diejenigen Menschen Helden, die bei der Revolution im Namen des gesellschaftlichen Fortschritts umgekommen sind. Djilas löst dieses Thema immer im Sinne derer, die ganz genau wissen, was gut und böse ist. Deserteure, Feinde und Verräter umzulegen, ist demnach richtig, und am Ende scheint das Vorgefallene nicht nur nicht in Zweifel gezogen, sondern nachgerade gutgeheißen.

"Ich fühle mich immer fehl am Platz, wenn ich einen trösten soll, der ein Bekenntnis ablegt und den Trost gar nicht verdient" (das entscheidet natürlich Djilas); die "politischen und militärischen Pflichten verlangen, daß" (und das wird getan); der Henker war bekannt als ein. "einfacher, offenherziger, guter Kerl" ... "Ich hatte oft gesehen, wie Menschen töteten oder getötet wurden, und ich glaube, es war weniger Neugier als Pflichtgefühl, was mich in jene Richtung führte. Ich hatte nichts anderes zu tun, und mir war eingefallen, daß die Art, in der hier Menschen getötet und begraben wurden, dem Feind Anlaß geben könnte, sie später in seiner Propaganda auszunützen, es schien mir deshalb nötig, darüber zu wachen, daß alles korrekt vor sich ging."

Nirgends werden die Antinomien dieser Revolution deutlich, weil hier mit Methoden des neunzehnten Jahrhunderts Ereignisse des zwanzigsten erzählt werden. Über die Bedeutung der jugoslawischen Revolution erfährt man so gut wie nichts, weil Djilas nie über den Schatten seines Ichs springen kann. Und am Schluß der Nacherzählung eines montenegrinischen Heldenliedes erfährt man denn auch den Wunsch des Nacherzählers: "Wenn doch auch ich Anstoß geben könnte zu solch einem Lied .. (in dem der Held Vuk, der "hünenhafte Bursche" bewundert wird, "das Schwert in der geballten Faust, gutmütig lächelnd und nicht weniger erstaunt als die anderen über den abgehauenen Nacken, aus dem das Blut in warmen Strömen quoll"). "Es ist immer so: die eine (Gesellschaft) sterben, damit die andere leben kann. Fazit: Vuk tat nur Gutes, denn es gibt kein absolut Gutes und kein absolut Böses, gut und böse sind nur die Taten, durch die ein Mensch den Fortbestand seiner Mitmenschen sichert, indem er seinen und ihren Lebensraum erweitert."

Der Stil dieser Geschichten verrät sich selbst: Immer, wenn Djilas der Nachwelt Lebensweisheiten übermittelt, wird es schwül im Raum, und die großen. Worte können einen das Gruseln lehren. Die ideologische Message dieser autobiographischen Geschichten ist. die Sanktionierung des Lebens Djilas’, ihr positiver Held heißt mit Vornamen Milovan: der Liebkoste. Peter Urban