Die eine Frau lebt. Sie heißt Gertrud Slottke, ist 64 Jahre alt, unverheiratet und seit 1952 Halbtags-Sekretärin im Büro des Süddeutschen Pflanzenzüchtervereins der Landwirtschaftlichen Hochschule in Stuttgart-Hohenheim – „nicht gekündigt“, wie Frau Slottke ausdrücklich betont. Dreimal in der Woche muß sie vor dem Münchner Schwurgericht erscheinen, im Prozeß gegen „Dr. Wilhelm Harster und andere“. Sie ist der Beihilfe zum Mord an 54 982 holländischen Juden angeklagt. Gertrud Slottke fühlt sich nicht schuldig; sie behauptet, nicht gewußt zu haben, daß diese 54 982 Juden in den Gaskammern von Auschwitz und Sobibor sterben mußten.

Gertrud Slottke ist eine kleine Frau, verbittert und störrisch, ihre Stimme ist energisch, mit einem spitzen Klang. In der Anklageschrift heißt es über sie: „Die Hauptlast der im Judenreferat des Befehlshabers der Sicherheitspolizei und des SD in Den Haag ... angefallenen umfangreichen Arbeiten erledigte die Angeschuldigte als die einzige auf diesem Teilgebiet des ‚Entjudungs’-Programms von Anfang an und von Grund auf eingearbeitete Kraft der Sicherheitspolizei in den Niederlanden ... Die Angeschuldigte richtete ihr ganzes Interesse auf den Dienst und bemühte sich stets, für die ‚Entjudung‘ ein Übermaß zu leisten. Teilweise wendete sie gegen die Verfolgten strengere als die vom Reichssicherheitshauptamt gesetzten Maßstäbe an.“

Der Staatsanwalt im Münchner Judenmordprozeß hat beantragt, Gertrud Slottke zu zehn Jahren Zuchthaus zu verurteilen. Sie leugnet alles. Sie sagt: „Ich habe nur nach Diktat gearbeitet ... Ich befolgte nur die Anordnungen, die aus Berlin kamen.“ Zwar habe sie sich oft „Gedanken über die Transporte nach Auschwitz“ gemacht, aber „eine Tötung der Juden konnte ich mir gar nicht vorstellen, ich habe geglaubt, es gibt auch im Osten für die deportierten Juden Reservate für den Lebensabend“.

Dies die eine Frau im Münchner Prozeß. Die andere Frau ist tot, seit vielen Jahren. Sie hieß Dr. Edith Stein, wurde 50 Jahre alt und war unter dem Namen Teresia Benedicta a Cruce Karmeliternonne, zuletzt im holländischen Kloster Echt. Sie war unter den 54 982 Juden, deren Tod Gertrud Slottke mitverschuldet haben soll. Sie kam in eine der Gaskammern von Auschwitz. Sie hat kein Grab.

Am 26. Juli 1942 wurde in allen niederländischen Kirchen eine Kanzelabkündigung gegen die Judenverfolgung verlesen. Das war eine unerhörte Tat. Arthur Seiss-Inquart, Hitlers Reichskommissar, war wütend. Am 30. Juli gab daher der damalige SS-Gruppenführer Wilhelm Harster einen Befehl an sein „Judenreferat“ weiter, „betreffend die Evakuierung der christlich getauften Juden“. Darin stand unter Punkt 2: „Da die katholischen Bischöfe sich – ohne beteiligt zu sein – in die Angelegenheit gemischt haben, werden nunmehr die sämtlichen katholischen Juden abgeschoben. Interventionen sollen nicht berücksichtigt werden.“

Gertrud Slottke war damals in Harsters „Endlösungs“-Abteilung Sachbearbeiterin für die sogenannten Rückstellungs- oder Beziehungsjuden. Das waren Holländer mosaischen Glaubens, die eine „Mischehe“ führten, als Weltkriegsteilnehmer, Ausländer oder Rüstungsarbeiter einige Zeit verschont blieben; dazu zählten auch konvertierte Juden wie die Ordensschwester Edith Stein. Sie alle traf nun die Rache des Reichskommissars. Am 2. August 1942, gegen fünf Uhr nachmittags, erschienen im Kloster Echt die Häscher von der Gestapo. Sie verlangten die Auslieferung der Jüdin Edith Stein. Die Karmelitin wurde in das Durchgangslager Westerbork geschafft. Später berichtete ein jüdischer Kaufmann aus Köln: „Schwester Benedicta ging unter den Frauen umher, tröstend, helfend, beruhigend wie ein Engel.“ Am 7. August wurden die Lagerinsassen abtransportiert, „vermutlich zum Osten“ (ad Orientem), wie es auf einer Postkarte stand, die im Kölner Karmel aus Echt eintraf.

Im Jahre 1950 veröffentlichte der „Niederländische Staatsanzeiger“ eine Totenliste. Unter der Nummer 44074 war dort registriert: „Edith Teresia Hedwig Stein, geb. 12. Oktober 1891 zu Breslau, von Echt, gest. 9. August 1942 O. Das „O“ steht für Auschwitz. Heute hängt in der Krypta der Kölner Karmelitinrienkirche Maria vom Frieden eine Gedenktafel: „Dr. phil. Edith Stein, geb. 12. 10. 91 in Breslau, getauft 1.1. 22, in den Karmel eingetreten 14. 10. 1933. Nach Auschwitz deportiert 2. 8. 1942. Dort getötet 9. 8. 1942. Sie starb als Märtyrerin für ihr Volk und ihren Glauben.“ Vor fünf Jahren eröffnete Joseph Kardinal Frings eine Sitzung für den „Bischöflichen Prozeß über Leben und Tugenden der Dienerin Gottes Edith Stein“. Die Nonne, die eine Jüdin war, soll seliggesprochen werden.