Seit Dienstag fallen wieder US-Bomben auf Nordvietnam. Professor Schlesinger hält diese Angriffe für das Haupthindernis auf dem Wege zum Frieden.

Von Arthur M. Schlesinger jr.

Sind dies wirklich die einzigen Alternativen der amerikanischen Vietnam-Politik – überstürzter und demütigender Rückzug oder Ausdehnung des Krieges?

Unsere Staatskunst ist bestimmt noch nicht so bankrott. Ich glaube, ein Mittelweg ist immer noch möglich, falls der Wille da ist, ihn einzuschlagen. Am Anfang dieses Weges muß die Entscheidung stehen, mit der Ausweitung und Amerikanisierung des Krieges Schluß zu machen – unsere Streitkräfte, Operationen, Ziele und Rhetorik zu begrenzen. Statt mehr Orte zu bombardieren, mehr Truppen zu schicken, immer nachdrücklicher zu verkünden, das Schicksal der Zivilisation werde in Vietnam entschieden, sollten wir uns besinnen und uns bemühen, die Lage so zu sehen, wie sie ist: als einen furchtbaren Bürgerkrieg, in dem kommunistische Guerillas von Hanoi eifrig unterstützt und nun auch in erheblichem Maße gelenkt, eine kommunistische Gewaltherrschaft in Südvietnam zu errichten trachten, und zwar nicht für die Chinesen, sondern für sich selbst. Wir sollten begreifen, daß das wirkliche Problem in Vietnam kein militärisches ist, sondern ein politisches. Und wir müssen die angewandten Mittel dem erstrebten Zweck anpassen.

Natürlich spielen militärische Maßnahmen bei der Suche nach einer politischen Lösung eine unerläßliche Rolle. Hanoi und die Vietcong werden nicht verhandeln, solange sie glauben gewinnen zu können. Da ein Unentschieden eine selbstverständliche Vorbedingung für Verhandlungen ist, müssen wir genügend amerikanische Streitkräfte in Süvietnam haben, um bei unseren Gegnern keinen Zweifel daran zu lassen, daß sie Südvietnam nicht mit Gewalt eine kommunistische Regierung aufzwingen können. Sie dürfen sich keine Illusionen über einen möglichen Abzug der amerikanischen Truppen machen. Die ernsthafte Opposition in den Vereinigten Staaten gegen die Eskalationspolitik erstrebt keine amerikanische Niederlage, sondern eine ausgehandelte Lösung.

Deshalb ist es von entscheidender Bedeutung, in Vietnam die Front zu halten. Aber wir haben gewiß schon genug Truppen, Feuerkraft und Stützpunkte in Südvietnam, um offenbar zu machen, daß wir nicht geschlagen werden. können, falls wir nicht davonlaufen – was nicht geschehen wird. Und es ist durchaus möglich, einen Krieg einzuschränken, ohne stillzustehen; und wenn die jetzigen Generäle nicht darauf kommen, wie das zu bewerkstelligen ist, dann sollten wir uns Generäle holen, die dazu in der Lage sind. Außerdem gibt es ja eine südvietnamesische Armee von 600 000 Mann, die so viel Initiative ergreifen kann, wie sie immer will. Und wenn man uns bedeutet, die Südvietnamesen seien nicht gewillt oder fähig, gegen die Vietcong zu kämpfen, denen sie zahlenmäßig noch immer weit überlegen sind, so muß uns die politische Seite des Krieges um so mehr zu denken geben.

Unsere Militärpolitik sollte, wie etwa Henry Kissinger und James MacGregor Burns angeregt haben, auf die Schaffung und Stabilisierung gesicherter Gebiete abzielen, in denen die Südvietnamesen selbst die soziale und institutionale Entwicklung in Angriff nehmen können. Unsere Kräfte sollten, um im Vietnam-Jargon zu sprechen, mehr zum "Säubern und Halten" als zum "Aufspüren und Vernichten" eingesetzt werden (zumal wenn "Aufspüren und Vernichten" meist "Aufspüren und In-den-Untergrund-Treiben" bedeutet). Wir sollten die Strategie der Stipp-Angriffe aufgeben, mit denen die Vietcong an einem Tag aus Dörfern vertrieben werden, um am nächsten zurückzukehren und ihre Stör- und Terrortätigkeit wieder aufzunehmen.