"Tief betrübt" nahm Papst Paul VI. die Nachricht von der Wiederaufnahme der amerikanischen Luftoffensive gegen Nordvietnam zur Kenntnis. Noch kurz zuvor hatte der Vatikan gehofft, "die Stunde des guten Willens" sei angebrochen, weil Präsident Johnson nach Ablauf der viertägigen Waffenruhe zum buddhistischen Mondneujahrsfest die Bombardierungspause noch um 42 Stunden verlängert hatte.

Schon am zweiten Tag der Waffenruhe hatten amerikanische Militärs darauf gedrungen, die Pause keinesfalls auszudehnen, weil sonst der kommunistische Nachschub ein "unerträgliches Ausmaß" annähme. Nach Angaben des Pentagon wurden während der 96stündigen Waffenruhe auf 1570 Schiffen und 2200 Lastwagen mindestens 25 000 Tonnen Munition und Material in Richtung des 17. Breitenkreises transportiert, womit eine Division von 10 000 Mann ein dreiviertel Jahr für den Kampf versorgt werden könnte. Die Verstärkung des Nachschubs verstoße zwar nicht gegen die technischen Bestimmungen, wohl aber gegen den Sinn der Waffenruhe.

Das Pentagon verlor freilich kein Wort des Bedauerns darüber, daß die Amerikaner selber während der Waffenruhe ihre Aufklärungsflüge über Nord Vietnam fortsetzten und ihre Truppen in Südvietnam auf sogenannte Defensivpatrouillen losschickten. Zusammenstöße mit den Vietcongs waren also unvermeidlich. Verlustbilanz der Waffenruhe: 18 Amerikaner gefallen, 158 verwundet; die Vietcongs verloren 205 Tote und 114 Gefangene.

Die Militärstrategen der USA und dem Vernehmen nach auch Außenminister Rusk hoffen jetzt, daß sie durch eine neue Offensive von "vielleicht beispielloser Heftigkeit" die Aussichten auf Friedensgespräche verbessern können. Während der geheimen Kontakie, die in den letzten zwei Monaten zwischen Washington und Hanoi oder dem Vietcong hergestellt wurden, hatte Hanoi immerhin darauf verzichtet, seine berühmten "vier Punkte" als Vorbedingung ins Spiel zu bringen. Es verlangte lediglich die endgültige Einstellung der Luftoffensive.

Der sowjetische Regierungschef Kossygin sprach in London von einer "gewaltigen Konzession" Nordvietnams. Obwohl der Sowjetführer versicherte, nach einem Stopp der Bombardierungen könnten Verhandlungen sofort beginnen, bestanden die USA auf konkretere Zusicherungen. Erst nachdem auch ein Telephongespräch Wilsons mit Präsident Johnson und eine nächtliche Blitzkonferenz in Kossygins Hotel ergebnislos geblieben waren, ließ Johnson die Bomber starten und holte Nordvietnams Staatschef Ho Tschi Minh in einer Antwort auf einen neuen Friedensappell des Papstes seine alten Bedingungen wieder hervor.

Präsident Johnson wollte sich unter dem Druck der "harten" Politiker im Kongreß auf einen Stopp der Luftoffensive nur einlassen, wenn Nordvietnam seine militärischen Operationen gleichfalls einschränke. (Experten bezweifeln jedoch, ob Nordvietnam in so kurzer Zeit überhaupt Truppen in Südvietnam hätte zurückbeordern können.)