Von Marcel Reich-Ranicki

Ein Literaturkritiker, der etwas taugt, ist immer eine umstrittene Figur. Solange er wirkt und Einfluß ausübt, fällt es allen schwer, ihm gerecht zu werden. Die sich über ihn öffentlich äußern, sind nur in Ausnahmefällen unbefangen: Denn meist handelt es sich ja um jene, die er beurteilt oder ignoriert hat, und um die Kollegen von der Kritikerzunft, also um seine tatsächlichen oder potentiellen Konkurrenten.

Indes ist dagegen nichts einzuwenden: Wer anklagt und verteidigt, ohne über einen Kodex zu verfügen, wer sich müht, Gerechtigkeit zu üben und hierbei letztlich nur auf seine subjektiven Vorstellungen von der Literatur angewiesen ist, der muß sich damit abfinden, daß ihm selber keine Gerechtigkeit zuteil werden kann. Das mag schmerzhaft sein, doch gehört es zu unserem Metier.

Und später? Dieselbe literarische Öffentlichkeit, die häufig die Macht des Lebenden überschätzt, vergißt schnell den Toten: Dem Kritiker flicht die Nachwelt keine Kränze. Aber dies scheint ebenfalls in Ordnung zu sein. Die Gegenwart fasziniert den Kritiker, nur in ihrem Namen spricht er, nur ihr Echo ist für ihn wichtig. Er hat keinen Anspruch auf das Andenken der Nachgeborenen zu erheben.

Auch das Bild des Kritikers Friedrich Sieburg schwankte im literarischen Leben der Bundesrepublik, verwirrt und verzerrt von Freund und Feind. Wenn deutsche Schriftsteller zusammensaßen und von der Langeweile bedroht wurden, genügte es, seinen Namen zu nennen, um sogar die Schläfrigsten auf den Plan zu rufen.

Heute läßt sich mit dem Namen des mächtigen Mannes von gestern nicht einmal ein Hund hinterm Ofen vorlocken. Weil Sieburg 1964 gestorben ist? Ja, natürlich – aber nicht nur deshalb. Daß sich sein Ruhm fast plötzlich verflüchtigen konnte, hat auch mit der Eigenart seiner Kritik zu tun.

Zwei jetzt vorliegende Bücher scheinen mir ein willkommener Anlaß zu sein, noch einmal – aus zeitlicher Distanz und womöglich sine ira et studio – die Frage nach diesem auf jeden Fall außergewöhnlichen Literaturkritiker zu stellen. Der im vorigen Jahr veröffentlichte Band