DIE ZEIT

Skepsis beim Sperrvertrag

Es ist kaum möglich, aus der deutschen Diskussion über den Atomsperrvertrag noch ein Wort der Zustimmung oder der vorbehaltlosen Bereitschaft zur Unterschrift herauszuhören.

Wilsons Mißerfolg

Kossygins Besuch in England war für die Gespräche zwischen Wilson und Kiesinger kein beschwingender Auftakt. So wenig man sich auch in Bonn durch manche zugespitzte Äußerung während des Kossygin-Besuchs beunruhigen ließ – einige Skepsis kam immerhin auf.

Vorbild Preußen?

Vor zwanzig Jahren – im Februar 1947 – erließ der alliierte Kontrollrat, der das zertrümmerte Deutschland regierte, ein Gesetz zur Liquidierung des preußischen Staates.

Victor Gollancz

Nun ist also Victor Gollancz, der unruhige Feuerkopf, der große Verleger, der engagierte Sozialist, zur Ruhe gegangen. Immer hat es ihn umgetrieben, nie hat er sich mit der Welt, so wie sie gerade war, abgefunden.

Ostberliner Eigentor

Der Ärger, der die deutschen Kommunisten gegenwärtig dazu verleitet, ein Eigentor nach dem anderen zu schießen, hat sie auch noch mit Blindheit geschlagen.

Rückkehr im Salonwagen

Seit er aus seinem Salonwagen gestiegen war, wich ein Schimmer von abgeklärter, leicht melancholischer Freude – oder war es Rührung? – nicht von seinem Gesicht.

ZEITSPIEGEL

Die Ostberliner Umtaufer sind kaum noch zu bremsen. Aus dem Bonner Bundeskabinett wurde in der Eskalation der SED-Sprachregelung zunächst die Regierung Kiesinger-Brandt, dann Kiesinger-Strauß, und nun Strauß-Kiesinger.

Große Koalition bis 1973?

Wird die Große Koalition 1969 zu Ende gehen oder wird sie noch länger dauern? Diese Frage wird nicht zuletzt durch das Wahlrecht entschieden.

Strauß und seine Getreuen

Über zwei Stunden hat der Redner gesprochen. Jetzt kämpft er gegen die Hitze der Scheinwerfer, zu deren Strahlen sich das Licht einer verfrühten Februarsonne gesellt.

Washington:: "Vorbehalte gegen Fiktionen"

Willy Brandt hatte seine Gespräche mit Dean Rusk über die deutschen Vorbehalte zum Nonproliferationsvertrag schon zwei Tage hinter sich, als ihm auf einer Pressekonferenz in New York die Frage öffentlich gestellt wurde, auf die er am liebsten nur in der Vertraulichkeit der Amtsstuben-Atmosphäre seines amerikanischen Kollegen geantwortet hätte: "Sind Sie bereit, einen Vertrag zu unterschreiben, der jede Art neuklearer Explosionen auf deutschem Boden oder auf Gebieten unter deutscher Jurisdiktion ausschließt, gleich, ob für militärische oder für friedliche Zwecke?" Der Bundesaußenminister zögerte einen Augenblick, bis er schließlich deutlich und entschieden mit "ja" antwortete; eine Szene, die wenige Stunden später von allen großen amerikanischen Fernsehstationen als kleiner Ausschnitt aus einer langen Pressekonferenz über das Land ausgestrahlt wurde.

Umstrittene Kontrollklausel

"Jeder kernwaffenlose Partnerstaat dieses Vertrages verpflichtet sich, die Überwachung der Internationalen Atomenergiebehörde für alle seine friedlichen nuklearen Unternehmungen so bald wie möglich zu akzeptieren.

Stichwort Atomsperrvertrag: Werden wir ein Volk von Bettlern?

Wer in den letzten Wochen die deutschen Zeitungen las, mußte fast den Eindruck bekommen, als hätten Russen und Amerikaner gemeinsam einen neuen Morgenthauplan ausgeheckt, mit dessen Hilfe die Bundesrepublik in ein rückständiges Land verwandelt werden soll.

Paris:: De Gaulle bleibt abseits

Die internationale Diskussion um ein Weitergabeverbot für Atomwaffen wird in Paris mit einer Aufmerksamkeit verfolgt, die sich hinter der betonten Zurückhaltung amtlicher Kreise nur schwer verbergen kann.

Bonn: Sorgen um die Forschung

Jeder deutsche Außenminister hätte es unter den gegenwärtigen Umständen in Washington schwer gehabt. Es müssen dort Interessen vertreten werden, die den Absichten der amerikanischen Regierung von heute nur zum Teil entsprechen.

Drei Sterne-Anonymus

In der "Welt" versuchte ein ungenannter "Rechtsexperte" mit Analogien aus der Zeitgeschichte nachzuweisen, daß der geplante Atomsperrvertrag mit dem NATO-Pakt unvereinbar sei.

London:: Kossygin gibt Kontra

Der sowjetische Ministerpräsident Kossygin hat alles auf den Markt getragen, was er während seines England-Aufenthaltes über den Atomsperrvertrag sagen wollte.

Der Herr Kandidat bittet zum Diner

Der französische Wahlkampf hat als Schaugeschäft begonnen, aber je mehr er sich dem Ende nähert, um so härter wird er geführt und um so größer wird der persönliche Einsatz der Kandidaten – vor allem der führenden Männer.

Fast kernwaffenfrei

Zum erstenmal wurde in einem bewohnten Gebiet auf der Erde eine atomwaffenfreie Zone geschaffen. Nach vierjährigen Verhandlungen einigten sich die 21 Staaten Lateinamerikas und der Karibischen See (außer Kuba), ihre Länder von Kernwaffen freizuhalten.

Pakt London-Moskau – auf Eis gelegt

Als "großen Erfolg" wertete Premierminister Wilson den Besuch seines sowjetischen Kollegen Kossygin in England. Das stimmte nicht ganz: Den Frieden in Vietnam zauberten sie nicht herbei.

Von ZEIT zu ZEIT

Wenige Stunden vor der Reise des britischen Premierministers Harold Wilson und Außenministers George Brown nach Bonn protestierten die Vertriebenenverbände gegen deren mißverständliche Äußerungen zum Oder-Neiße-Problem.

Mao: Grünes Licht für Frieden

Mao Tse-tung, so ließ sich "Newsweek" von einem Ostblockdiplomaten berichten, hat gegen Friedensverhandlungen zwischen Nordvietnam und den USA nichts mehr einzuwenden, falls die Führer in Hanoi eine Vorbedingung erfüllen: Die Sowjetunion darf auf keinen Fall als Friedensvermittler auftreten.

Aufstand der Habenichtse

Unerwartet hat sich vor dem britischen Anlauf zur EWG eine neue Hürde aufgetan: der Atomsperrvertrag, über dessen Inhalt sich die drei Atommächte USA, Sowjetunion und Großbritannien bereits weitgehend geeinigt haben.

Namen der Woche

Prinz Philip, der Gemahl der britischen Königin, zog sich, wieder einmal, den Zorn der öffentlichen Meinung zu, weil er vor Exporteuren geäußert hatte, er sei es leid, ständig neue Ausreden für sein Land gebrauchen zu müssen.

Der Berg gebar eine Maus

Walter Ulbrichts Versuch, den gesamten Ostblock gegen die neue Bonner Entspannungspolitik zu mobilisieren, blieb in den Ansätzen stecken.

Gnadenfrist für Moro

Der italienische Ministerpräsident Aldo Moro, der in den letzten drei Jahren schon zweimal wegen Mißhelligkeiten in seiner Koalition links der Mitte zurückgetreten ist, entging am vorigen Wochenende mit Mühe einer neuen Regierungskrise.

Krise Bonn-Vatikan

Die Beziehungen zwischen dem Vatikan und Bonn sind wegen des Schulstreits in Baden-Württemberg in eine Krise geraten. Der Landtag in Stuttgart hatte vorige Woche eine Verfassungsänderung beschlossen, nach der künftig die öffentlichen Volksschulen des Landes als christliche Gemeinschaftsschulen geführt werden.

CDU-Vorsitz für Kiesinger?

Mit beredtem Schweigen kommt Kiesinger einem Ziele näher, das er noch vor einiger Zeit nicht entschlossen angestrebt hat: dem Parteivorsitz der CDU.

Vertriebene auf neuem Ostkurs

Zu den Menschen, deren Heimat sich durch ihre Sprache zu erkennen gibt, gehört Reinhold Rehs. Er spricht zwar nur mit halber Stimme, wenn auch mit der technischen Perfektion des forensischen Professionals: des ehemaligen Journalisten, späteren Rechtsanwalts und jetzigen Parlamentariers.

Wirklich ein Kommentar?

Mißtrauen gegen die Macht absoluter Regierungen hatte im neunzehnten Jahrhundert die Legislative stark gemacht. Ohne ihr Einverständnis durfte die Exekutive nicht mehr in Freiheit und Eigentum der Bürger eingreifen.

Afrika

Die afrikanische Politik ruht auf vier Säulen: Panafrikanismus, Négritude, afrikanischer Weg zum Sozialismus und Bündnisfreiheit.

Vielfältiges Europa

Was ist Europa? Keine geographische Realität, denn seine Grenzen haben sich im Laufe der Geschichte ständig verschoben, seine Zentren verlagert.

Heinrich Himmler

Nach der Materialseite hin bleibt kaum ein Wunsch offen. Die Darstellung liest sich leicht. Nur droht zuweilen angesichts der Fülle der Intrigen und Machtkämpfe um den Reichsführer SS und angesichts der komplizierten Details der Verwaltungsorganisation der Faden der Erzählung verlorenzugehen.

Abschied von der Zeitgeschichte

Wer Zeitgeschichte als Epoche der Mitlebenden begreift, sieht sich zuweilen in einer merkwürdigen Situation. Binnen weniger Jahre wandert oft das, was eben noch wie selbstverständlich zur Gegenwart gehörte und auf das heftigste in ihr umkämpft war, aus dem Blickfeld der jetzigen Generation und lagert sich der Geschichte an.

Wenn China Atommacht wird

Das kommunistische China ist auf dem Wege, Atommacht zu werden. Zwar wird der Weg noch lang und dornig sein, ehe China über eine größere Zahl atomarer Sprengsätze und ein wirksames Trägersystem verfügen wird.

Berliner Notizen: Protest-Journalismus

Was Rudolf Augstein in einjähriger Vorbereitungsarbeit nicht schaffte, machte der 24jährige Jung-Journalist Martin Buchholz in nicht einmal einer Woche möglich: Er beschert den Westberlinern eine neue Zeitung.

Der Rabbi und der Kardinal

Nach fünfeinhalbstündiger, erregter Diskussion entschied der Vorstand der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit am letzten Montag abend: Die Woche der Brüderlichkeit findet statt.

Läßt Gott sich spotten?

Der Prozeß wegen Gotteslästerung fand nicht statt. Die Bremer Staatsanwaltschaft ersparte drei Gymnasiasten den Weg zur Anklagebank.

Rebellische Richter in Hessen

Mit kollegialen und freundlichen Grüßen hat der Vorsitzende des Landesverbandes Hessen des Deutschen Richterbundes, Amtsgerichtsrat Pulch, einen Beschluß der Disziplinarkammer bei dem Verwaltungsgericht Frankfurt am Main in Umlauf gesetzt.

Das macht die Militärmusik

Mit Lippen von Leder und Lungen wie Blasebälge – so bliesen sie die Kreuzritterfanfare. Auf dem "4. NATO-Musikfestival" im vollbesetzten Stadion von Mönchengladbach, vom Zweiten Deutschen Fernsehen am Sonntag als Eurovisionssendung übertragen, war für die Musiker der Bundeswehr, in einer Kommißkürzel gesagt, "alles drin", preußische Gloria und bayerische Urhornkraft, Bonner Etiketteton und Berliner Unter-den-Linden-Schmiß, Potsdamer Disziplin und nun auch der exakte Schritt aus der Reihe, der das angelsächsische Tattoo kennzeichnet, die kunstvolle Marschfigur unter Musik.

Die ungenügende Hauptstadt

Siebzehn Jahre nach Gründung der Bundesrepublik wird von amtlicher Seite bestätigt und aktenkundig gemacht, daß Bonn seiner Aufgabe, "die Funktion einer vorläufigen Hauptstadt zu übernehmen, nicht gerecht geworden ist und auch nicht gerecht werden konnte.

Film:: Was bleibt, ist peinlich

Mit einer unglücklichen Neigung und einem Mißverständnis begann es: Günter Grass wollte wohl endlich mit einem seiner Stoffe auf die Leinwand kommen.

Theater:: Mann ist Mann

Handelte das Stück "Mann ist Mann" nur von der Verwandlung, der Ummontierung des friedlichen Packers Galy Gay in eine mordende und sengende Kriegsmaschine, dann hätten die beiden simpel-bunten Plakate, die man am Schluß der Berliner Aufführung als groben Wink mit dem Zaunpfahl vor die Augen der Zuschauer brachte, recht behalten – und nicht die vorangegangene Handlung, in der Brecht zeigt, wo bei rüden militärischen Scherzen der Spaß aufhört.

Fernsehen:: Legenden müssen nicht sein

Ein Mann namens Ralph Giordano, ein kluger und mutiger Mann, hat eine Legende, das schöne Märchen von der deutschen Kolonialidylle in Afrika, zerstört – und das verzieh man ihm nicht.

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