Von Joe Schevardo

Essen Sie die Pralinen meinetwegen löffelweise. Aber bitte nehmen Sie den Jazz nicht zu ernst. Das Wort stammt von Duke Ellington. Interessant wäre es, einmal seine Meinung zum zähneknirschenden ultramodernen Jazz zu hören, ob er ihn wohl mit der gleichen Leichenbittermiene wie die Modernisten selbst deuten würde.

Jazz ist seit siebzig Jahren herrlich unkompliziert, ein ideales Elixier gegen unser kompliziertes Jahrhundert. Oder war er es?

Wer zuletzt vor zehn oder fünfzehn Jahren ein Jazzkonzert besuchte, dem ergeht es in einer modernen Jazzveranstaltung von heute wie einem, der damals zum letztenmal Auto fuhr. Er glaubt sich in einem nervtötenden Labyrinth, in dem er sich nicht mehr zurechtfindet: Kein noch so infernalischer "sound" ist regelwidrig, Takt und Tonart spielen kaum noch eine Rolle, was spielbar erscheint, ist erlaubt. Die Manifestationen eines Webern und der Darmstädter Schule werden mit Ernst nachempfunden. Es gibt weder gleichbleibendes Tempo noch kontinuierlichen "beat". Die altbewährten Regeln der Chorus-Folge, der Phrasierung und des "timing" werden über Bord geworfen.

Darüber hinaus scheinen sich die rebellischen Neutöner dieser atonalen Jazz-Revolte in schier endlosen Bandwurmdarbietungen zu gefallen. Kein augenzwinkerndes Ein-Herz-und-eine-Seele-Sein mehr mit dem Publikum. In krassem Gegensatz zur altvertrauten Musizier-Idee aus New Orleans hat dieser "New Thing"-Jazz seine Rolle als Unterhaltungsmusik gründlich ausgespielt.

In einem solchen modernen Jazzkonzert, beispielsweise bei den letzten "Berliner Jazztagen", sieht man auf und außerhalb der Bühne nur ernste Gesichter. Kein Fingerschnipsen mehr, kein Kopfnicken, kein Wippen des Fußes, so wie früher bei den großen Swing-Bands. Dieser "New Thing"-Jazz erfordert ungeteilte Aufmerksamkeit. Wer mit halbem Ohr bei der Sache sein will, bleibt ein hoffnungsloser "Zickendraht".

Und doch soll, will man diesen Neutönern glauben, die Musik solcher Avantgardisten wie des Pianisten und Komponisten Cecil Taylor, der Posaunisten Roswell Rudd und Grachan Moncur III, des Pianisten Andrew Hill und des in Berlin mit Beifall und Buh-Rufen bedachten Saxophonisten Albert Ayler (der europäische Folklore in amerikanische Rhythmen verwebt) in zehn Jahren das Esperanto der Jazzer aller Länder sein.