London, im Februar

Der sowjetische Ministerpräsident Kossygin hat alles auf den Markt getragen, was er während seines England-Aufenthaltes über den Atomsperrvertrag sagen wollte. Der deutsche "Finger am Abzug" ist einem Teil der britischen Presse ein liebgewordenes Schreckgespenst; nur selten macht man sich in London die Mühe, die heutigen, mehr wirtschaftlich-technologischen Einwände der künftigen atomaren Habenichtse zu prüfen. Auf diesen nichtamtlichen Teil der öffentlichen Meinung zielte Kossygin, als er die Bundesrepublik als Hindernis auf dem Wege zum Vertragsabschluß hinstellte. Fünfhundert Journalisten hörten ihn sagen, Bonn müsse unterzeichnen, ob es wolle oder nicht. Tags darauf wurden sie belehrt, es sei gemeint gewesen: Der Vertrag werde zustande kommen, ob es Bonn gefalle oder nicht.

Inzwischen hatte sich an die erste Fassung das Mißverständnis geknüpft, Kossygin wolle seinerseits nicht unterschreiben, wenn die Bundesregierung sich weigere. Das hieße jedoch unterstellen, die Sowjets nähmen die Bonner Politik wichtiger als ihre eigene und verbauten sich auf diese Weise selbst den Zugang zu einem Abkommen, an dem ihnen sehr gelegen ist. Doch ist das Parieren der Deutschen für Kossygin nur ein Nebenprodukt auf dem Weg zum Sperrvertrag. Er sucht Druck auszuüben – auf die Engländer, auf die NATO insgesamt – so lange das möglich ist.

Dabei kommt Kossygin zu Hilfe, daß die Deutschen sich selbst ins Blickfeld schieben müssen, wenn sie ihre Präventivwünsche anmelden wollen. Sie stehen mit diesen Wünschen gar nicht allein; die Zahl der Nationen, die industrielle Rückschläge fürchten, ist groß in der Welt. Aber Kossygin hat es fertiggebracht, die Sache so hinzustellen, als ob es wieder einmal nur die Deutschen seien, von denen zu reden ist. Unter seinem Presse-Auditorium in London fehlten weder Indonesier, Australier, Japaner und Inder, Aber sie alle wurden nicht mit einem Wort erwähnt. Karl Heinz Wocker