"Corneille" (Düsseldorf, Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen): Unbestritten hat Corneille seine Meriten um die holländische Nachkriegsmalerei, mit Karel Appel und Constant war er 1948 bei der "Nederlandse Experimentele Groep", aus der die Cobra-Gruppe hervorgegangen ist, die ihren élan vital gegen den dünnblütigen Pariser Ästhetizismus um 1950 erfolgreich ins Treffen führte. Appel war im vergangenen Jahr in Bochum zu sehen, Constant in Köln (und als Hollands Repräsentant auf der Biennale in Venedig). Karl-Heinz Hering hat nun auch für Corneille eine erste deutsche Retrospektive (im Düsseldorfer Kunstverein bis zum 5. März) organisiert, mit 50 Gemälden und 20 Gouachen vorwiegend aus den sechziger Jahren, als Corneille längst nicht mehr von der gemeinsamen Cobra-Strömung getragen wurde.

Mit Beklemmung sieht man und verfolgt man an dem viel zu breit dokumentierten Ertrag dieser Jahre, wie Corneille seine ursprüngliche Konzeption nicht aufgibt, aber in einem starren Schematismus einfrieren läßt. Gegenstand seiner Bemühungen ist das Pastorale Thema, die holländische und die spanische Landschaft: "Souvenir d’un jardin au coeur de l’ été", "Tumulte d’un nouvel automne", "Promenade au jardin de Pergolese". In kräftigen, rustikalen, satten und gelegentlich auch strahlenden Farben ist die Landschaft in ihren elementaren Zuständen, als Sommer, Herbst, Hitze und Sturm dargestellt, bevor sie sich gegenständlich als Park, Wiese oder Küste konkretisiert. Corneille hat seine barbarisch wilde Koloristik durch die Ecole de Paris kultiviert, speziell die Gouachen ("Le soleil comme une ruche", "Cadaques") demonstrieren eine brillante Farbigkeit. In seinem Formenvokabular dagegen beharrt Corneille auf einer atavistischen Stufe. Nicht darin, daß sich die Formen, die chaotisch die Bildfläche überfüllen, weder als reale Objekte noch als Zeichen identifizieren lassen, liegt die Corneillesche Problematik, vielmehr in der primitiven, rudimentär unbeholfenen Gestaltung, die dadurch nicht akzeptabler wird, daß sie ursprünglich als bewußter Affront gegen einen formalen Schönheitskanon gemeint war. Diese Haltung war bei der einstigen Cobra-Gruppe legitim. Fünfzehn Jahre später wirkt sie doktrinär und antiquiert. Corneille kommt dadurch in die peinliche Lage, daß man ihn mit seinen 44 Jahren bereits als ein historisches Monument betrachtet. Die Ausstellung enthält Leihgaben aus holländischen, amerikanischen und französischen Sammlungen. "Karl Hofer" (Köln, Baukunst): Daß Hofers Werk hier weniger laut und sehr viel milder klingt als auf der großen Berliner Retrospektive,mag an der gedämpften Akustik liegen, Die gepflegten Räume verschlucken aggressive Töne. Die Auswahl bevorzugt solche Motive, denen schon immer das spezielle Interesse der Sammler gegolten hat: Stilleben, Tessiner Landschaften, Mädchen am Strand und am Fenster, sitzende Akte. Es fehlen die eminent politischen Bilder, wie die "Schwarzen Zimmer". Aber selbst dieser reduzierte, melancholisch verschattete Hofer, ein nach Berlin, in eine ihm nicht gemäße Epoche verschlagener Marées, ist eine große, eine unterschätzte Figur. Man kann seine Fähigkeit, eine Geste, eine Hand, die eine Blume trägt, die Bewegung der sich verhüllenden Gestalt, auch den Ausdruck eines Gesichts zu stilisieren, bevor diese in den Zustand der Realität übergehen, als eine spätklassizistische Attitüde verstehen, aber sie wirkt niemals epigonal. Manche Bilder, die diese Seite von Hofer manifestieren, sind in der Öffentlichkeit wenig bekannt, etwa der um 1922 datierte "Seminarist" aus einer Schweizer Privatsammlung. Aber auch in der temperierten Kölner Auswahl gibt es ein paar harte, grelle Figurenkompositionen, die durch ihren desperaten Ernst seine zeitentrückte Gelassenheit in Frage stellen: Alarm, Totentanz, Höllenfahrt, Mann in Trümmern, auch der ganz unklassizistisch konzipierte, zeitdramatische "Laokoon" von 1935.

140 Bilder, Aquarelle, Zeichnungen und Lithographien sind in Köln bis zum 15. April zu sehen. Die Ausstellung wurde von Kurt Martin eröffnet. Gottfried Sello