Bremen

Der Prozeß wegen Gotteslästerung fand nicht statt. Die Bremer Staatsanwaltschaft ersparte drei Gymnasiasten den Weg zur Anklagebank. Ein Beweis dafür, daß man diskutieren anstatt prozessieren kann, wurde von Schülern, Juristen, einem Pädagogen und einem besorgten Staatsbürger geliefert. Zu berichten ist von einem Prozeß, der ausfiel.

Die Abiturienten Ingbert, Hermann und Wilfried hatten in ihrer Schülerzeitung "Das Echo" einen "Nachruf auf Gott" veröffentlicht. Dies war zu lesen: "Nach langer Untätigkeit verschied Gott der Herr. Wie wir hören, hält der Krieg in Vietnam mit unverminderter Härte an, fallen Bomben auf die Zivilbevölkerung, wird Hitler-Anhänger General Ky weiter von Amerika unterstützt, verhungern Menschen, verfault in westlichen Getreidesilos der Weizen, sammeln Kirchengemeinden für einen neuen Anstrich ihres Kirchenzaunes." Die Schüler kamen zu dem Ergebnis – ein Gott, der dies alles dulde und nichts gegen Auschwitz und das Warschauer Getto unternommen habe, sei "abwesend, verreist, tot. Seine Stelle ist offen, er muß vertreten werden".

Ein Einwohner von Stadthagen zeigte die jungen Leute wegen Gotteslästerung an. Bei ihrer Vernehmung baten die drei darum, sich schriftlich zu ihrer "Todesanzeige" äußern zu dürfen. Ingbert, er studiert inzwischen Theologie, formulierte die Gedanken. Er erinnerte an die "god-is-dead-movement" in den USA und berichtete von Auseinandersetzungen mit dieser "Gott-ist-tot-Bewegung" in Europa, er berief sich auf Bonhoeffer, den englischen Bischof Robinson und auf die deutschen Professoren Bultmann, Metzger und Braun. Seine Kronzeugen – so der Student – hätten sinngemäß längst vor den Schülern ähnliche Zweifel an der Existenz Gottes angemeldet.

Nach der Lektüre des Schüler-Schriftsatzes kam die Staatsanwaltschaft zu der Überzeugung, Gotteslästerung sei auszuschließen. Der Tatbestand des Paragraphen, wonach das Gericht tätig werden muß, wenn Gott in roher und verletzender Form beschimpft wird, sei nicht erfüllt. Daß die Schüler die Existenz Gottes leugnen, sei ihre eigene Auffassung.

Gegen diese Entscheidung legte der Erstatter der Anzeige Beschwerde ein. Da entschloß sich die Staatsanwaltschaft zum nächsten Schritt. Sie schickte die schriftlichen Erklärungen der Schüler an das Amtsgericht in Stadthagen, und so kamen die acht Manuskriptseiten in die Hände des

Anzeigeerstatters. Offensichtlich sind ihm beim Lesen die Gewissenskonflikte der jungen Leute erkennbar geworden. Er schrieb an die Staatsanwälte in Bremen: "Ich nehme meine Beschuldigung hiermit zurück." Die Akten konnten geschlossen werden.