Die Statistiken beweisen, daß die Anzahl der reichen Leute in Westeuropa, vor allem in Deutschland, ständig wächst. Mehr als fünf Prozent der Bevölkerung sind heute millionenschwer, gegenüber knapp drei Prozent im Jahre 1939. Diese Verdopplung achtbaren Wohlstands hat exklusive Erholungsstätten natürlich zu Raritäten werden lassen.

Schuld daran tragen freilich auch die Reiseführer vom Typ "Europa für 5 Dollar pro Tag". sie haben auch teures Reisen wohlfeil gemacht, was offenkundig nicht so übel ist. Aber Weltreisen für 1000 Mark pro Stunde, Hotels außer Kategorie, Luxusboutiquen, Milliardärsleben ... Wäre das nicht abwechslungsweise auch mal was? Weit gefehlt! Nein, nein, das Millionärsleben ist eine einzige Qual.

Ab sofort sind von der Landkarte die Namen Malta, Torremolinos und Ibiza zu streichen, desgleichen aus dem Wörterbuch die Begriffe "bezahlter Urlaub", "Gruppenreise" und "Club Mediterranée". Biarritz verschwand bereits mit König Alfons XIII., Capri wurde von Ingrid Bergman erledigt, Ägypten von Nasser, St.-Tropez von Brigitte Bardot. Der Ankauf einer Villa in der Costa Smeralda auf Sardinien bedeutet nur noch Zeit- und Geldverlust, seit Karim Aga Khans Bemühungen gescheitert sind, Prinzessin Margaret dort festzuhalten.

Ein Mensch, der heutzutage "in" sein will, muß Reisender bleiben. Um wirklich "in" zu sein, genügt es deshalb nicht mehr, nur sein Revier zu kennen, man muß wissen, wann das Vögelchen im Nest ist. Monte Carlo und Cannes sind beispielsweise so "in" wie nur möglich im September, Januar und der ersten Februarhälfte, aber absolut "out" im Juli und August. Ebenso kommen Rom, Florenz und Madrid im Juli und August nicht in Frage, während New York erst etwa ab November als die Stadt der Welt gilt, die am meisten "in" ist. Durch manche Orte zieht nur einmal im Jahr und nur für eine außerordentlich kurze Zeitspanne etwas vom Duft der großen weiten Welt: Kopenhagen im Mai, wenn die bunten Sonnenschirme auf den Kaffeehaus-Terrassen erscheinen, und das Tivoli seine Pforten öffnet. London von Mitte Mai bis Ende Juni: die Zeit der Rennen in Ascot und der Eröffnung der Royal Academy. In Kampen bläst nur im Juli kein rauher Nordseewind; dann wird die Insel zum Tummelplatz der Millionäre: Reisebüros schreiben den Ort ab und überlassen ihn großzügig den VIPs (Very Important Persons). Der Chef des Hauses Hohenzollern, Frau Emmy Göring, Alfried Krupp, Schröder und Axel Springer streifen dann schlicht menschlich Seite an Seite mit besser gewachsenen Adepten der Freikörperkultur durchs Dünengras.

Von Mitte Februar bis Mitte März heißt die Parole: St. Moritz oder Gstaad. Die Ansichten über die Vorzüge beider Ortschaften sind wie immer geteilt. Jede Partei hat ihre Anhänger. Für St. Moritz stimmen: Stavros Niarchos, Patino, Graf Rossi, die Marquise von Blandfordt (geschiedene Onassis, verehelichte Livanos) Gabriele Henkels und die schöne Fiona (Ex-Baronin von Thyssen). Für Gstaad: die Großherzogin von Luxemburg, Lord Warwick und das Ehepaar Taylor-Burton. Unterkunft ist auf jeden Fall im Palast Hotel zu nehmen (es gibt je eins in Gstaad und St. Moritz).

Wenn man das Herumziehen scheut, gibt es eine Insel mit dem Vorzug, zwölf Monate im Jahr in Mode zu sein: Korfu. Das eleganteste Hotel dort ist das Castello Mimkelli. Empfehlenswert ist es, sich die Languste à la grecque im Freien, im Schatten der riesigen Eiche servieren zu lassen, unter der auch die griechische Königsfamilie bei ihren Aufenthalten auf Korfu zu speisen pflegt. Es gibt auch ein Freiluftkasino, wo man auf einer Marmorterrasse im Mondenschein sein ganzes Geld verlieren kann.

Scheut man das Herumziehen nicht, dann zieht man eben herum, etwa so: den ganzen Winterüber Acapulco oder Januar in Monte Carlo oder Marrakesch, Februar in Gstaad oder St. Moritz, Ostern in Sevilla oder in Le Touquet, Mai in Paris oder Kopenhagen, Juni in Florenz oder Rom, Juli auf Sylt, August auf Korfu, Oktober und November in New York, Weihnachten in Tel Aviv ... Der Kalender so eines "In"-Jahres ist streng und raffiniert wie eine Diätvorschrift. Um ganz sicher zu gehen, gibt es nur ein Rezept: sich diskret nach dem künftigen Aufenthalt einer sorgfältig ausgewählten gesellschaftlichen "Lokomotive" zu erkundigen, zum Beispiel der Prinzessin Ira von Fürstenberg.