Donnerstag, 9. Februar, 22.40 Uhr, 1. Programm: "Heia Safari – Für und wider"

Ein Mann namens Ralph Giordano, ein kluger und mutiger Mann, hat eine Legende, das schöne Märchen von der deutschen Kolonialidylle in Afrika, zerstört – und das verzieh man ihm nicht. Deutschnationale zeigten sich erregt, es protestierten die Siedler; von Einseitigkeit und Verzerrung, von Nestbeschmutzung und mangelnder Würde wurde gesprochen, hoch gingen die Wogen, die Wut der Rebellierenden bewies die Kraft der Legende aufs schönste: Hier Lettow-Vorbeck, das Hasseische Leitbild, dort Auspeitschungsszenen; hier der ruhmreiche Peters, dort das Herero-Massaker; hier die Idealität patriarchalisch gesonnener Deutscher und die kindlichfromme Schar der Askari, dort imperialistische Ausbeuterei – da reimte sich nichts mehr zusammen, da waren heilige Tabus berührt, da schien der WDR vortrefflich beraten, als er – nach einem Podiumsgespräch – eine Gruppe von rebellischen Briefschreibern zu Wort kommen ließ. Sechzig waren geladen, dreißig traten an, und die legten los.

Bestritten wurde nicht viel – nur die Strafe des Vizegouverneurs Leist hatte Giordano zu mild dargestellt, das ist richtig – die Herero-Dezimierung und die private Prügeljustiz sind schließlich schon zu Kaisers Zeiten aktenkundig geworden, dagegen hatte man wenig zu sagen: um so mehr aber gegen den Tenor der Sendung. Nicht nur die Schwarzen, auch die Lehrlinge – sagte ein älterer Herr im Angesicht eines dunkelhäutigen Kameramanns – habe man damals durchgewichst und abgeseift, das sei üblich gewesen; Legenden müßten sein, meinte ein zweiter, der schrie fanatisch auf und begann mit dem Körper zu rudern: habe man denn schon gehört, daß Frankreich sich etwa anschicke, den Mythus der grande nation zu zerstören?

Aber das Fernsehen, da nickten sie in Corona, da lachte man höhnisch, da wurde Rosa Luxemburg gezischelt und Sterben in Madrid, das Fernsehen sei nun einmal von den Linken gesteuert. Auch stand ein Mann auf, der sich selbst als den Gründer der Partei deutscher Idealisten etikettierte, ein Mann, der im Altväterdeutsch (Wie die werte Dame schon andeutete) gegen den Minderwertigkeitskomplex unseres Volks opponierte, ein anderer wiederum wollte es ganz genau wissen, schließlich habe er noch letzte Woche mit dem Herzog persönlich gesprochen, und der hat nur noch den Kopf geschüttelt, der ist jetzt dreiundneunzig Jahre alt.

So ging es fort und fort, so schwadronierten die Haudegen munter drauflos – wobei nicht vergessen sein soll, daß die werte Dame und ein junger Mann, ein Wissenschaftler offenbar, denn doch nicht nur Emotionen, sondern auch Argumente vorweisen konnten. Hegelianer freilich waren auch sie nicht; denn nicht einmal ihnen schien es zu dämmern, daß eine Legende, deren Macht sich an diesem Abend mit der gewünschten Deutlichkeit zeigte, allein durch radikale Destruktion abgebaut werden kann. Wenn ein Minister anno 64 einen Mann wie Lettow-Vorbeck der Jugend als Leitstern vorstellen kann, dann hat der Journalist die Pflicht, den Mythus, der hinter dieser Vorstellung steht, mit Hilfe der Vernunft zu entzaubern.

Es wurde geschlagen, gebrandschatzt, geraubt, gemordet, gequält – und das will gezeigt sein: mit einer Kraft und Anschaulichkeit, die der Valenz der Legende entspricht. Sollte sich am Ende der Diskussion eine heilsame Synthese ergeben, so wäre das allein Ralph Giordanos präzisen und auch, man denke an die Darstellung Dernburgs, nuancierten dialektischen Operationen zu danken.

Momos