Von Ulrich Kaiser

Während der gerade zu Ende gegangenen tollen Tage in Düsseldorf kam es vor, daß bei der Karnevalsveranstaltung des ruhmreichen Rudervereins „Germania“ im Klubhaus im Vorort Hamm oder beim Schwimmerball in den gediegenen Rheinterrassen die holden Narren und Närrinnen auf der Tanzfläche Platz nahmen und nach der Melodie des „wunderschönen deutschen Rhein“ sangen: „Oh, du wunderschöne Dee Eee Gee, du sollst ewig deutscher Meister sein!“ Gleichermaßen artfremd angespornt fand sich der in letzter Zeit recht erfolglos operierende Fußballbundesligist Fortuna, der sich von den Rängen den Anfeuerungsruf „Dee Eee Gee“ anhören mußte.

Die Begeisterung, die solcherart durch sämtliche Sportzweige der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt geistert, wurde hervorgerufen durch den Gewinn der deutschen Eishockeymeisterschaft von der Düsseldorfer Eislaufgemeinschaft (DEG), der es nach fünfzehn Jahren (1952 holte der Krefelder EV den Titel) wieder gelang, diese Ehre den Abonnementssiegern aus Bayern zu entführen. Der Vollständigkeit halber muß allerdings gesagt werden, daß man sich dabei des Tölzer Trainers Hans Rampf sowie dessen bajuwarischen Landsleuten Reif und Schneitberger bediente; dazu kam der aus der DDR geflüchtete Auswahlspieler Böttcher und die nach der Auflösung der Mannschaft von Eintracht Dortmund „arbeitslosen“ Hoja, Roes, Jablonski und Löggow. Mit Schmengler, Schmidt, Gregory, Breidenbach, Heitmüller, Werdermann, Lingemann, Wylach und Hübbers ist das einheimische Gewächs zwar noch stark genug vertreten, was die Krefelder Zuschauer in der Rheinlandhalle bei den Spielen der DEG aber nicht daran hindert, ihre Gäste lautstark als „Gastarbeiter“ zu begrüßen.

Der Umsatz an Wunderkerzen im vornehmen Düsseldorfer Zoo-Viertel, wo sich das Eisstadion an der Brehmstraße befindet, wurde über Weihnachten hinaus bis zum Heimspiel gegen Mannheim am vergangenen Sonntag (3:1 für die Düsseldorfer EG) verlängert; das Ende des Karnevals war mit dem Aschermittwoch ebenfalls noch nicht gegeben. Man rechnet mit einem letzten Höhepunkt; wenn die Mannschaft nach dem letzten Auswärtsspiel mittels eines sechsspännigen Kaltblütergespanns – gestellt von einer Düsseldorfer Altbierbrauerei – durch die Stadt gefahren wird.

Die Düsseldorfer EG verdankt ihren Erfolg in zweifacher Hinsicht dem Publikum. Einmal, weil es die 10 500 Plätze jedesmal bis zum letzten Rang füllt und damit die finanzielle Voraussetzung für das Wohlergehen zugezogener Aktiver erfüllen hilft – zum anderen, weil es eben da ist. Die Skala der Empfindungen über diese Zuschauer, von denen in den letzten Wochen gut und gern drei- bis viermal soviel gekommen wären, wenn nicht die Stadionkapazität ausgeschöpft gewesen wäre, reicht vom achselzuckenden Lachen über rheinischen Frohsinn bis zur abgrundtiefen Verachtung über den losgelassenen Mob. Wobei man der Gerechtigkeit halber sagen muß, daß letztere Stimmen alle ihren Ursprung südlich der Mainlinie haben.

Die sanges- und sprechchor-freudigen Düsseldorfer haben sich in den drei Jahren, in denen ihre DEG in der höchsten Spielklasse vertreten ist, einen Fundus an Texten erarbeitet, der leicht mit jeder Möglichkeit fertig wird. Das beginnt mit dem trotzigen „Na und?“ hinter jedem Namen der Gastmannschaft, den der ehemalige Eiskunstlaufmeister Thilo Gutzeit vor dem Spiel durch den Stadionlautsprecher bekannt gibt, geht über ein frenetisches „kämpfenkämpfen-kämpfen-kämpfen“, wenn das Spiel auf Messers Schneide steht, und endet zunächst einmal mit dem über eine ganze Tonleiter von oben nach unten langgezogenen „Vooooorsicht“, welches sowohl dem eigenen Team als auch einem überharten Gegenspieler gelten kann. Man muß dazu die manchmal makabre, oft überhebliche, aber nie ganz ernst gemeinte Richtung des meist aus der Düsseldorfer Altstadt kommenden Spaßmachens verstehen. Von den Bayern behauptet man ebenso verallgemeinernd, daß bei ihnen zu einer „Gaudi“ auch eine rechte Rauferei gehört – hier ficht man mit Worten kaum weniger hart und für Außenstehende genauso verletzend. Markus Egen, der Trainer der EV Füssen, mußte sich vor einem Jahr knapp zwei Stunden lang anhören, daß er der „Melissa-Mörder“ sei; der betreffende Durbridge-Streifen flimmerte zur gleichen Zeit über deutsche Mattscheiben. Preußen Krefeld wurde mit dem kaum besonders erheiternden Ruf der Altmaterialienhändler „Lumpen – Eisen – Preußen“ empfangen, dem deutschen „immer-noch-Rekordmeister“ Berliner SC wurde in schlichtem Singsang der Hinweis „Absteiger“ zuteil, und wenn die gegnerischen Stürmer zum x-ten Male das Düsseldorfer Tor verfehlen, tönt es in ebenso frohgemuter wie hektischer Rhythmik entweder höhnisch „Ha-ha-ha“ oder großmütig lehrmeisterisch „üben-üben-üben“. Sehr angegriffen wurde der zwar nicht sehr feine, aber sich dafür reimende Spruch „Zick-zack Zigeunerpack“, mit dem gegnerische Spieler auf die Strafbank geleitet werden; und die Mienen der 35 Polizisten strahlen auch nicht eben eitel Zufriedenheit, wenn sie aus 10 000 Kehlen gesungen hören, daß sie da stehen und den ganzen Tag noch nichts getan hätten. Zum Repertoire gehört weiter der dem schwedischen „Heja Heja“ abgelauschte und auf den Düsseldorfer Spieler bezogene Aufschrei „Heja, Hoja, Dee Eee Gee“, der überaus vielsagende Reim „Und die Tölzer haun wir auch – mit dem Hammer auf den Bauch“, und die trutzige Herausforderung „Wer will es wagen, die DEG zu schlagen?“. Herausragende Gesangsdarbietungen sind weiter nach der Melodie des amerikanischen Folksongs „Otto schieß den Puck ins Tor – Halleluja“ (Otto ist Schneitberger), nach der Melodie des Schlagers vom gelben Unterseebot „Deutscher Meister wird die DEG, wird die DEG, wird die DEG“ und schließlich war bei Spielflauten um die Weihnachtszeit zu hören „... alles schläft, einsam wacht – Ottoooooo“.

In Füssen, Bad Tölz und Riessersee, wo man die deutschen Eishockeytitel seit Jahren unter sich ausmachte, spricht man von einem Zweitorerückstand, mit dem man in Düsseldorf zunächst einmal auf Grund der Zuschauerkulisse ins Spiel geht. Gegenüber 10 000 Gegnern ist das ja nicht einmal schlecht. (Entschuldigung, das klingt schon fast wie aus der Brehmstraße). Der einzige Mann in Düsseldorf, dem diese Meisterschaft nicht nur zuträglich war, ist übrigens DEG-Geschäftsführer Hans Ramroth. Wegen seines angegriffenen Herzens hat ihm der Arzt den Besuch der Spiele seiner Mannschaft untersagt...