Von Alexander Rost

Als Bernadotte, vom französischen Korporal zum schwedischen König avanciert, schwer erkrankt war, wollte der Arzt ihn zur Ader lassen. Der König weigerte sich hartnäckig und stimmte erst zu, als er auf Tod und Leben lag. Vor dem Aderlaß aber mußte der Arzt schwören: nie dürfe er weitererzählen, was er jetzt sehen werde. Bernadotte streifte den Ärmel hoch. Der Arzt blickte auf eine prächtige Tätowierung, eine Jakobinermütze und darunter die Inschrift: Mort aux rois!

Tod den Königen! Trotz der Drohung auf dem Arm, der einst die geballte Faust gegen die Mächtigen der Erde geredet hatte, war Bernadotte selber König geworden. Das war damals Anlaß genug zu einer Anekdote. Mittlerweile ist es Alltäglichkeit, daß Leute "ganz unten" die erste, entscheidende Sprosse der Karriereleiter zu fassen bekommen und zum Thron, in der Regel einem Ledersessel, hinaufklettern.

Die Könige heißen inzwischen Vorstandsvorsitzer, Minister, Ordentlicher Professor, Bischof, General oder Intendant; und wenn es kleine Könige sind, dann sind sie Abteilungsleiter, Abgeordneter, Generalvertreter oder was auch immer. Sie alle bilden die "Funktionselite", die eigentlich agierende Truppe in jener gar nicht so schmalen Spitze der Gesellschaft, die von den Soziologen und nun in aller Munde "Oberschicht" genannt wird.

Zu den soziologisch-spezifischen Definitionen der Oberschicht gehört das Stichwort "hohe Selbstrekrutierung". Jeweils sechzig von hundert Männern in den Ledersessel-Thronen der deutschen Gesellschaft sind Kinder der Oberschicht. Es ist ziemlich leicht geworden, aus unteren Schichten des Volkes in mittlere aufzusteigen. Da gibt die Oberschicht, aus welchen Gründen auch immer, energisch Hilfestellung. Das Proletariat ist praktisch verschwunden. Die Politik ist "mittelschichten-orientiert". Doch vor dem Sprung in die Oberschicht stehen hohe und in jüngster Zeit immer höhere Hürden.

Daß jemand, der oben steht, ganz unten angefangen hat – welch gutes Beispiel! Aber selbstverständlich ist es nie gewesen. Unter den Bundestagsabgeordneten und Bundesministern, um leicht nachprüfbare Fälle zu erwähnen, sind vor allem die Mittelschichten stark vertreten, weit stärker als etwa die bürgerliche Oberschicht, die wiederum im Wirtschaftsmanagement, in der öffentlichen Verwaltung, den Wissenschaften, der Generalität oder auch im Auswärtigen Dienst nahezu drei Viertel aller Stellen besetzt hält. Die Unterschichten sind hier, bis auf die üblichen Ausnahmen, die die Regel bestätigen, wie eh und je ausgesperrt.

Einen vorausschaubaren, halbwegs planmäßigen, direkten Zugang zur Oberschicht können Arbeiter oder Arbeitersöhne eigentlich nur in der Sozialdemokratie oder in den Gewerkschaften finden (wenn man einmal vom Sonderfall des in der Dorfschule aufgespürten und in die Hierarchie der katholischen Kirche eingeschleusten Talentes absieht). Was die Gewerkschaften angeht: Seit ein jüngerer Gewerkschaftsfunktionär hanseatischer Senator und ein anderer Krupp-Direktor geworden sind, von weiteren in Abgeordnetenpositionen und Verwaltungsratsposten zu schweigen, scheint dieser Weg in die Oberschicht einladend zu sein. In der Sozialdemokratie wird er von Jahr zu Jahr schmaler. Und daß der Volkswirtschaftsprofessor Schiller, wie der "Spiegel" zu berichten wußte, gleichsam die Augenbraue hochzieht, wenn ihm ein Examenskandidat offenbart, daß man über den "zweiten Bildungsweg" in die Universität eingezogen sei, ist dafür nur ein Symptom. Seit die Spitzen der Sozialdemokratischen Partei, großkoaliert, ganz zweifelsfrei zur Oberschicht zählen, drohen sie vollends, einem gesetzmäßigen Zwang zu unterliegen, den der Philosoph Max Scheler so formulierte: