Ende Februar liegen die Dörfer des Engadin noch tief im Schnee. In den kalten Nächten glitzern die Sterne platinhell über der weißen Welt. Erst am Nachmittag fangen die Traufen an zu gurgeln. Auf dem Dorfplatz, wo die Buben Versammlungen bilden, hört man das Wort: "Chalandamarz". Das ist rätoromanisch und kommt vom lateinischen Calendae Martii, Märzbeginn. Die Römer begannen das Jahr mit dem März, und der Märzanfang hat bei den Romanen allerlei Spuren des alten Feiertags bewahrt. An einem Sonntag zu Anfang März werden noch heute fast in ganz Graubünden die Dorfmeister und Gemeindevorsteher in ihre Ämter eingesetzt und vereidigt.

Was aber den Chalandamarz unter allen Monatsanfängen auszeichnet, das ist der alte Brauch der Buben, die mit Schellen, Kuhglocken, Rätschen und Peitschen das Dorf in ein Pandämonium der Lebensfreude verwandeln. Die Volkskundler reihen den Brauch unter die Lärmumzüge ein, die ursprünglich dem Totenkult und der Geisteraustreibung dienten. In einem Dorf Sardiniens gibt es etwas Ähnliches, die Mammutones, einen maskierten Umzug mit rhythmischen Schellenschlägen. Man leitet ihn von einer Geisteraustreibung her, zu der man im vierten Jahrhundert nach Christus einen Centurio Marmutio herbeigerufen habe. In Graubünden vereinigen sich der heidnische Ritus und der Rechtstag, und im Engadin, wo die Fastnacht nach der Reformation ihren kultischen Gehalt zusehends verlor, flochten sich noch Fastnachtsbräuche und galante Züge der Schlitteda in den Chalandamarz ein.

Chalandamarz feiert man in jedem Dorf anders, mit bunten Requisiten und eigenartigen Liedern: "Der Schnee wird faul, und das Gras will wachsen..." Nach der älteren Version dauert das Fest zwei Tage. Am ersten stapfen die Buben durch die verschneiten Dorfwiesen und schellen den Winter hinaus. Dann schneiden sie mit ihren Stäben (Bachettas) eine Wächte an, die als harmlose Lawine abgeht. Am zweiten Tag fallen die Jungen über das Dorf her; sie stürmen in die Häuser, toben durch Korridore und Scheunen, Der Knabe mit der größten Schelle geht als Wegbahner voran. Die Kinder lassen sich Lebensmittel geben: Dörrfleisch, Mehl, Gerste, Bohnen, Eier, manchmal auch Geld. In jedem Jahr kocht eine Hausfrau im Dorf der ausgelassenen Schar aus diesen Gaben einige Tage lang gewaltige Mahlzeiten, bis die Herrlichkeiten aufgebraucht sind.

Andri Peer