Was Rudolf Augstein in einjähriger Vorbereitungsarbeit nicht schaffte, machte der 24jährige Jung-Journalist Martin Buchholz in nicht einmal einer Woche möglich: Er beschert den Westberlinern eine neue Zeitung. Am vergangenen Sonnabend wurde auf den Boulevards das "Berliner Extra-Blatt" zum erstenmal verkauft.

Die Idee, die dieses Blatt gebar, war gerade sechs Tage alt. Gekommen war sie den mittlerweile brotlosen Mitarbeitern des Augstein-Projekts "Heute", das nach vielmonatiger angestrengter Vorarbeit und drei Probenummern an gepflegter linksintellektueller Langeweile und verlagsinternen Schwierigkeiten seines Mäzens starb.

Das ehemalige "Heute"-Teäm machte die Fehler von einst reichlich gut. Statt in das kleinformatige anspruchsvolle Wochenmagazin verpackten sie nun ihren Protest-Journalismus in "Bild"-Format und -Aufmachung: Auf dem Frontblatt die Rückenfront eines schönen Mädchens, auf der letzten Seite die letzte Aktstudie des noch schöneren Profi-Boxers Prinz von Homburg.

Politisch ist die rosa Garde des "Extra-Blattes" nicht weniger keß. Mit schnellem Kugelschreiber entwarfen sie ein flottes Modell einer freieren Stadt Westberlin. Die Teilstadt sollte danach von der Bundesrepublik nur noch außenpolitisch vertreten werden, im übrigen aber ein autonomes Territorium sein, garantiert von den Siegermächten und der UN. Als Zollfreigebiet könnte sie dem Extra-Blatt-Konzept zufolge zur westöstlichen Handelsmetropole aufblühen. Die Mauer soll verschwinden, und Flüchtlinge sollen nur noch in Ausnahmefällen aufgenommen werden, über die eine UN-Kommission entscheidet.

Der Ausflug in das politische Niemandsland irgendwo zwischen SED-Agitation und freidemokratischer Konzeption erwies sich freilich gerade auf Berliner Boden als ziemlich riskant und brachte das Extra-Experiment schon vor dem Start fast zu Fall. Als erste stieg die Vertriebsfirma aus dem Geschäft aus. Doch mehr als fünfzig Studenten, Oberschüler und "Falken" stellten sich daraufhin als ehrenamtliche Boulevard-Verkäufer zur Verfügung. Als im Eilverfahren die Manuskripte erstellt waren, fiel den Setzern vor Schreck das Blei aus den Händen. Hartnäckig weigerten sie sich einen Tag lang, die Buchstabenkombination DDR in die Setztasten zu drücken. Das Heer der Amateurverkäufer mußte so Stunden warten, bis es am Sonnabend kurz vor Ladenschluß die ersten feuchten Exemplare in den Händen hielt.

Die geplante Auflage von 20 000 war jedoch kaum halb durchgelaufen, als nach den Druckern die Falzmaschine streikte. Als der Schaden schließlich behoben war, verbot das Gebot der Feiertagsruhe die Extra-Produktion.

Doch auch die verkauften 10 000 Exemplare brachten den Berlinern schon einige Aufregung. Zwei hübsche Verkäuferinnen wurden von empörten Käufern so hart bedrängt, daß eine zu Hilfe gerufene Polizeistreife sie in Schutzhaft nehmen mußte. Die Beamten demonstrierten dann aber das ganz neue Verhältnis zwischen Ordnungshütern und jugendlicher Linker in Westberlin: Sie kauften den Studenten gleich fünfzig Zeitungen ab.