Wie intelligent sind Wissenschaftler? Eine Antwort auf diese Frage suchten zwei britische Forscher, John Gibson und Phyllis Light, in einer Hochburg englischer Intelligenz, an der Universität Cambrigde.

Alle an den medizinischen, natur- und sozialwissenschaftlichen Instituten der Universität beschäftigten männlichen Wissenschaftler und Dozenten im Alter zwischen 25 und 34 Jahren wurden aufgefordert, an einem Intelligenztest teilzunehmen. Nur fünfzehn der insgesamt 185 jungen Gelehrten lehnten es ab, sich der immerhin zwei Stunden dauernden Prüfung zu unterziehen. Engländer sind good sports, sie machen mit, auch wenn sie dabei das Risiko eingehen, sich zu blamieren.

Nun, blamiert hat sich keiner. Alle Prüflinge erzielten einen überdurchschnittlichen Intelligenzquotienten – in einigen Fällen freilich lag er nur sehr knapp über dem IQ-Wert, den die weitaus meisten normal begabten Menschen erreichen.

Ernüchternd ist allerdings die Feststellung, daß die Forscher und Lehrer einer der besten Universitäten der Welt im Schnitt einen Intelligenzgrad (126,5 Punkte) offenbarten, den jeder vierte Mann jener Altersklasse in einem repräsentativen Bevölkerungsquerschnitt mindestens besitzt.

Indessen qualifizierten sich die Geprüften zu 35,2 Prozent als "sehr überragend", zu 51,3 Prozent als "überragend" und zu 3,5 Prozent als "normal begabt". Der Anteil der Gesamtbevölkerung an diesen Intelligenzklassen beträgt jeweils 2,2 Prozent, 6,7 Prozent und 16 Prozent. So gesehen erscheint das Ergebnis der Cambridger Wissenschaftler in einem wesentlich günstigeren Licht.

Das angewandte Prüfungsverfahren war der an Hunderttausenden erprobte W.A.I.S.-Test (Wechsler Adult Intelligence Scale), mit dessen Hilfe sich der Intelligenzquotient Erwachsener bestimmen läßt.

Interessant ist die Aufschlüsselung des Testresultats nach den Fachgebieten der Geprüften. Die Spitze der Intelligenz halten – wer hätte es anders erwartet – die Mathematiker, deren durchschnittlicher IQ nicht nur am höchsten ist, sondern überdies die geringste Streuung aufweist, mit anderen Worten: Die von den Mathematikern erzielten Ergebnisse waren insgesamt die besten, und sie unterschieden sich voneinander auch am wenigsten. Zur Spitzengruppe gehörten – der Reihe nach – noch die Biochemiker, die Chemiker und die Physiker. In der Mitte lagen die Mediziner und die Biologen, gefolgt von den Ingenieuren, die übrigens die größte IQ-Streuung aufwiesen (zwischen 111 und 138 Punkten). Die beiden letzten Sprossen dieser Intelligenzleiter nahmen mit Abstand die Sozialwissenschaftler und Agrarwissenschaftler ein.

Kommentar eines Soziologen: "Das beweist lediglich, daß der Wechsler-Test die logischen Fähigkeiten der Naturwissenschaftler begünstigt." Die Doktoren Gibson und Light indessen warnen davor, aus ihren Resultaten allzu weitreichende Folgerungen zu ziehen, denn, so schreiben sie in ihrem Bericht ("Nature", 4. Februar), "das wäre ebenso irreführend wie die Behauptung, alle Wissenschaftler hätten einen besonders hohen Intelligenzgrad". Thomas v. Randow