Von Hansjakob Stehle

Seit er aus seinem Salonwagen gestiegen war, wich ein Schimmer von abgeklärter, leicht melancholischer Freude – oder war es Rührung? – nicht von seinem Gesicht. Ob in Marschallsuniform auf der Wiener Hofburg, ob in der zivilen Eleganz eines Generaldirektors bei der Stadtrundfahrt – der fünfundsiebzigjährige jugoslawische Präsident Tito genoß seinen Viertagebesuch in der Hauptstadt Österreichs weniger als politisches Ereignis denn als einen Glanzpunkt seines Lebens.

Es gibt keine wirklichen Probleme zwischen Österreich und Jugoslawien; sogar die nationalen Minderheiten, früher Anlaß zu Reibungen, konnte Tito in seiner Tischrede als Brücke zwischen den Ländern rühmen. Sein Gastgeber, Präsident Jonas, der neben Tito wie ein Gewerkschaftssekretär neben einem Industrieboß wirkte, sprach von der "Jugend anderer Länder, die Fehler und Vorurteile vergangener Zeiten meidet", und Tito wiederum von der "gemeinsamen Vergangenheit" und den Perspektiven eines Europa, das heute im Prozeß der friedlichen Annäherung ist.

Wie verträgt sich solch idyllisches Klima mit dem Besuch eines Mannes, der zu den ältesten Kämpfern des Weltkommunismus gehört, und den Österreichs Polizei mit einem Sicherheitsaufwand ohnegleichen vor Attentätern schützen zu müssen glaubte?

Wien – für Tito ist das nicht irgendeine Hauptstadt, nicht bloß Station einer Staatsvisite. In der Donaumetropole wurzelt der Mensch und Politiker mit einem entscheidenden Teil seines Wesens. Es war bekannt, daß er seit langen Jahren den Wunsch hegte, diese Stadt noch einmal wiederzusehen. Gewiß nicht nur aus der sentimentalen Anhänglichkeit eines alten Mannes, der die Stätten seiner Jugend sucht; nicht so sehr deshalb, weil es dem einstigen Schlossergesellen Josip Broz, der 1912 bei Daimler in der Wiener Neustadt Autos einfuhr und als k. u. k. Rekrut die Namen der kaiserlichen Familie auswendig lernen mußte, nun schmeichelt, als Staatsgast im kerzenerleuchteten Schloß Schönbrunn auf dem Stuhl Franz Josefs zu sitzen. Jenes alte Wien, das im Glanz republikanischer Empfänge (mit Frackzwang selbst für Kommunisten) nachzuklingen scheint, ist versunken. Tito fand seine Lieblingslokale, das "Orpheum" und das Schwedencafe, nicht mehr, auch nicht das Tanzinstitut, bei dem er den Walzer drehen lernte. Und die Ehrenkompanie des Bundesheeres, die jetzt vor ihm präsentierte, hat kaum mehr etwas gemein mit dem Agramer Landwehrregiment, als dessen jüngster Korporal und Fechtmeister er 1914 gegen die Russen ins Feld zog. Sechs Jahre später, nach Gefangenschaft und Kampf als Rotgardist, kehrte er in die kroatische Heimat zurück – als Kommunist.

Nicht erst die Begegnung mit der Revolution der Bolschewiki hatte ihn zum Sozialisten gemacht, In Wien schon war der lernbegierige junge Mann dem Austro-Marxismus begegnet, hatte er das Ferment des sozialen und nationalen Befreiungswillens im Zentrum des Vielvölkerreiches gespürt. Und nach Wien, das in den zwanziger und dreißiger Jahren die illegale KP-Führung Jugoslawiens beherbergte, zog es ihn immer wieder, als er schon reisender Agent der Moskauer Komintern war – ein stets elegant gekleideter Mann mit vielen Namen und Pässen, der ein Auto besaß ("weil die Polizei nie daran dachte, daß Kommunisten Auto fahren") und auch sonst gern lebte. Ein Berufsrevolutionär, der nicht ganz paßte ins Moskauer Milieu jener Zeit, als im düsteren Hotel "Lux" Wilhelm Pieck die Balkansektion der Komintern leitete und mit Genossen wie Ulbricht, Togliatti und Dimitroff an der imaginären Weltrevolution bastelte – damals, als man Stalins Säuberungen nur überleben konnte, wenn man beim eigenen Denken Askese übte – oder rechtzeitig abfuhr, wie es Tito tat.

"Lang lebe Stalin!" Mit diesen Worten schloß Tito im Juli 1948 seine Rede vor dem Parteikongreß, der sich fast einstimmig hinter ihn gestellt hatte, obwohl Stalins Kominform-Resolution den Chef der jugoslawischen Kommunisten als "imperialistischen Spion" verdammte. "Wir hatten trotz mancher Zweifel im innersten Herzen unseren festen Glauben an die Sowjetunion, an Stalin. Wir schämen uns unserer Illusionen nicht, wir sind stolz auf sie", sagte Tito später. Wider Willen war er zum Rebell geworden.