zugewinnen, ohne daß er dem Regime sonderliche Zugeständnisse gemacht hätte: Da seine Gegner stets nur jenen Pariser Vortrag von 1941 zitierten — ein nicht angenehmes Dokument, das jedoch, verglichen mit Verlautbarungen anderer deutscher Journalisten seiner Generation, eher mild anmutet — hat er damals offenbar nichts Belastendes geschrieben.

Natürlich war er gezwungen, sich der Sklavensprache zu bedienen, die er sicherlich meisterhaft beherrschte. Als es längst möglich war, Klärtexte zu schreiben, wollte er auf die Vorteile der Sklavensprache nicht ganz verzichten. Als ihn niemand mehr hinderte, alles offen zu sagen, zog er es vor, vieles auf elegante Weise zu verschlüsseln. Er sparte weder Kunst noch Mühe, wenn es darum ging, in seinen Besprechungen spöttische Seitenhiebe raffiniert unterzubringen: Hundert Kollegen sollten ihre Schadenfreude haben und hunderttausend Leser nichts merken. Wenn er attackierte, hielt er es meist für richtig, den Namen des Angegriffenen nicht zu verraten und die polemische Attacke so zu formulieren, daß wenigstens etwas Ungewißheit hinsichtlich ihres Gegenstandes oder ihrer Adresse blieb.

Seine Literaturkritik ließ sowohl handfeste als auch subtile Querverbindungen erkennen und strotzte von Vorurteilen, persönlichen Rücksichten und mehr oder weniger getarnten Gefälligkeiten und Racheakten aller Art. Alte Kameradschaften bewährten sich, neue Freundschaften wurden gesucht. Sogar die schwächsten Bücher von Autoren, die er — mit Recht oder zu Unrecht —- für einflußreich hielt, pflegte er zu loben, wobei er sich gelegentlich mit ironischen Nebensätzen absicherte.

Von seinen eigenen Methoden schloß er — vielleicht unbewußt — auf die Praktiken der neuen Generation. Wenn er mißmutig sagte, daß wir "im Zeitalter der Beziehungen und Zugehörigkeiten" leben, daß "die leise Intrige die blutige Polemik verdrängt" habe und daß die jüngeren Schriftsteller sich "auf Selbsthilfe und die Erringung von Positionen" verstünden, so traf dies alles auf seine eigenen Bemühungen zu. Mit der Zeit wurde er zum Gefangenen seiner Taktik und seines ewigen Paktierens. In diesem Sinne war seine Literaturbetrachtung, zumal wenn sie Schriftsteller unserer Epoche betraf, nie unabhängig.

Er hatte mehr Geist als Format, mehr Talent als Charaktef, mehr Macht als Autorität. Seine Koketterie beeinträchtigte seinen Geschmack, seine Eitelkeit (freilich eine kaum vermeidbare Berufskrankheit der Kritiker) gefährdete sein Urteil. Und er war zu verdrossen, um überlegen, zu ehrgeizig, um souverän sein zu können. Er wollte das Publikum, wie er in der Sammlung "Nur für Leser" erklärte mit dem Typischen bekannt machen und meinte, es sei oft wichtiger, die Sicht verstellten, war ihm in jener Zeit, die das Buch "Verloren ist kein Wort" umfaßt, gerade das Typische entgangen, und er hat weder die Strömungen noch die wesentlichen Leistungen wahrzunehmen vermocht.

Marie Luise Kaschnitz, Koeppen, Nossack und Hildesheiffler, Dürrenmatt und Peter Weiss, Schnurre, Eisenreich und Uwe Johnson haben für ihn offenbar nicht existiert. Ingeborg Bachmann, Eich, Celan und Huchel wurden nur einer flüchtigen Erwähnung für wert befunden. Kein einziges der Bücher Heinrich Bölls aus der Zeit von 1955 bis 1964 hat er besprochen.

In der Prosa von Günter Grass sah er nur "die Unappetitlichkeiten". Zu Enzensberger wußte er lediglich zu sagen: "Wir müßten ihn mit Spott bedacht.