Der Fiskus kann seine Einnahmen für das laufende Jahr gar nicht vorsichtig genug einschätzen. Er muß damit rechnen, daß nicht nur jene Branchen, die bereits 1966 von der "Konjunkturberuhigung" betroffen wurden, weniger Steuern zahlen, sondern daß auch Wirtschaftsgruppen, denen es 1966 noch relativ gut ging, im Gewinnausweis zurückhaltend sein werden. Die jetzt vorgelegte Bilanz der Vereinsbank in Hamburg gibt dafür einen Vorgeschmack – und mit ziemlicher Gewißheit werden andere Institute dieser auf "Vorsicht" abgestellten Bilanzpolitik folgen.

Bei dem Hamburger Institut, dessen Geschäftsschwerpunkt in der Handelsfinanzierung liegt, gab es ein Wachstum der Bilanzsumme um 8,82 (im Vorjahr nur 1,27) Prozent. Dahinter steht eine entsprechende Ausweitung des Geschäftsvolumens. Selbst wenn man bedenkt, daß daraus höhere Unkosten bestritten werden mußten, daß das Effektengeschäft des Jahres 1966 alles andere als erfreulich war und daß schließlich auf Effekten Abschreibungen nicht ausblieben, so dürfte das ausgezeichnete Kreditgeschäft für einen spürbar höheren Gewinn gesorgt haben.

Aber der Fiskus wird daran vorläufig nicht beteiligt. Denn "angesichts der veränderten konjunkturellen Situation wurden entsprechende Wertberichtigungen und Rückstellungen" gemacht. Da andererseits der Vorstand auf Befragen ohne weiteres zugibt, in der Gewährung der Kredite weiterhin die traditionelle Vorsicht angewandt zu haben und seine Maßstäbe eher noch strenger geworden sind, liegt auf der Hand, daß beträchtliche, unversteuerte Gewinne in den in der Bilanz nicht sichtbaren Wertberichtigungen stecken.

Vom Standpunkt der Bank ist die Skepsis in der Beurteilung der Debitoren (auch wenn sie vielleicht innerlich vom Vorstand nicht unbedingt geteilt wird) verständlich, für den Fiskus dagegen bedauerlich, denn er muß heute, da er jeden Pfennig zum Ausgleich der Haushaltsdefizite braucht, auf Steuereinnahmen verzichten, die er mit ziemlicher Sicherheit dann erhalten wird, wenn er sich in guten Jahren wegen seiner gefüllten Kassen wieder der Ausgabefreudigkeit der auf die Wähler schielenden Parlamentarier zu erwehren hat. kw