Von Thilo von Uslar

Über zwei Stunden hat der Redner gesprochen. Jetzt kämpft er gegen die Hitze der Scheinwerfer, zu deren Strahlen sich das Licht einer verfrühten Februarsonne gesellt. Die Fülle im Saal und in den Gängen spottet jeder feuerpolizeilichen Vorschrift.

Franz Josef Strauß in Vilshofen beim politischen Aschermittwoch: Ein Politiker im Kreise seiner "treuesten Freunde". Der niederbayerische Abgeordnete Unertl, das unverwüstliche Unikum der CSU-Landesgruppe, der Schweinehändler, Gastwirt, Posthalter – er erinnert seinen Parteivorsitzenden daran, wie ihm die niederbayerischen Bauern durch dick und dünn die Treue gehalten haben. Jetzt, wo der Strauß Pepperl wieder Minister ist droben in Bonn, bei denen da, Finanzminister sogar, wichtigster Mann am Drücker – jetzt soll er auch dankbar sein zu seinen niederbayerischen Bauern.

Früher, als Strauß um ihr Vertrauen warb in Vilshofen ("Meine Großeltern waren kleine Bauern in Niederbayern"), da waren sie zur Stelle. Jetzt sind sie in Schwierigkeiten. Der Unertl Franz Xaver hält ein stark-mächtiges Referat. Strauß soll ihr Nothelfer werden, nach all den Jahren der Treue. Es ist, als wehte noch einmal ein Hauch von jener spezihaften Verschworenheit durch den Saal, die längst vergessen schien – auch hierzulande.

Vilshofen, eingerahmt von der Donau und der Benediktinerabtei Schweiklberg, ist Großviehmarkt des bäuerlich-katholischen Landstriches zwischen Freising und Passau. Dort fanden sich am Aschermittwoch alle Parteien im Ring, schon seit 1864, als der bayerische Bauernverband gegen die Bayerische Volkspartei und die Patriotenpartei antrat.

Die Tradition war nie unterbrochen, auch nicht bei den Nazis. Nach dem Kriege wurde Vilshofen Hochburg der Bayernpartei. Bis jener Franz Xaver Unertl eine Hintertür fand, der CSU zu einer Aschermittwochschance und sich selber zu einem Bundestagsmandat zu verhelfen. Das war 1953, als Vilshofen noch einen Bayernpartei-Abgeordneten in den Bundestag schickte, den Freiherrn von Aretin. Unertl, Vorstandsmitglied des Deutschen Viehhändlerverbandes und Vorsitzender des Verbandes deutscher Schweinehändler, berief zum Wahlsonntag 1953 den deutschen Viehhändlerverbandstag nach Vilshofen. Mit dem Renommee kamen auch 1000 auswärtige, konservative Wahlscheine in die Vilshofener Urnen, für Unertl, nicht für den Bayernparteiler.

Und dann fing die CSU an, sich beim Aschermittwoch breitzumachen in Vilshoven. Strauß stieg in die Arena, maß sich lautstark mit dem Bayernpartei-Vorsitzenden Baumgartner, beide nicht wählerisch in ihren Formulierungen. Vilshofen bekam Farbe. Die Redner sprachen dem Bier zu, Strauß volkstümlich mit offenem Hemd, Baumgartner im Trachtenanzug. Beide Parteien hatten Spione im Saal der anderen. Wenn Baumgartner die CSU angriff, dann landete ein Zettelchen auf Straußens Rednerpult. Der antwortete dann, voll bitterem Hohn, und Baumgartner, "der Löwe", inzwischen informiert, schlug gewaltig zurück.