/ Von Kai Hermann

Berlin, Anfang Februar

Die Szenerie ist verwirrend. In Berlins Gartenvorstadt Dahlem geht ein arbeitsames Studentenvolk Tag für Tag seinen akademischen Pflichten nach, drängt sich in Vorlesungssälen, kämpft um Institutsplätze, ringt um Examensnoten. Doch dann und wann schimmert der Lack von Polizeiwagen durch die entlaubten Büsche, mischen sich Kripo-Beamte betont unauffällig unter die Jungakademiker. Oder Dahlemer Studenten verirren sich auf dem Kurfürstendamm und stoßen auf knüppelbewehrte Obrigkeit. Oder politische Polizei verirrt sich in die Räume einer Studentengruppe und beschlagnahmt Mitgliederkarteien.

Zusammengefaßt wird all das in der Formel "Krise der freien Universität". Es scheint eine ansteckende Krise zu sein. Jetzt kränkelt bereits die Stadt an der "FU-Krankheit". Die Symptome: Krawalle, Schlagzeilen, Parlamentsdebatten, Senatsinterventionen. Therapien werden zahlreich angeboten. Die radikalste Kur empfiehlt das Familienblatt "Morgenpost": Unruhestifter ausmerzen!" Nur – ein einigermaßen exaktes Krankheitsbild gibt es bislang nicht. Es sei denn, man begnügte sich mit der "Bild"-These: Die Kommunisten versuchten, über die Freie Universität den freien Teil der Stadt zu erobern.

Um die Hysterie zu erklären, die Studenten und ihre Gegner im Verlauf der Krankheit erfaßt hat, ist es notwendig, die Ereignisse der letzten Wochen zu rekapitulieren.

Ende November wurden während einer Diskussion mit dem Rektor Flugblätter verteilt, in denen von "professoralen Fach-Idioten" die Rede war. Einige der Zettelverteiler stürmten am Ende der Veranstaltung das Podium. Magnifizenz verließ den Saal.