In der neuesten Nummer des Deutschen Studentenanzeigers, laut Untertitel ein unabhängiges Forum deutscher Hochschüler", ist ein Briefwechsel zwischen Frau Professor Helge Pross, Dozentin der Soziologie, und den Herausgebern der Zeitung abgedruckt. Helge Pross hatte Kritik am Studentenanzeiger geübt und ein "antidemokratisches Syndrom" diagnostiziert.

Die lautstarken Bedenken, die immer wieder gegen Studentenredakteure und -funktionäre ins Feld geführt werden – bis hin zu den "Roten Garden" von Berlin, die Matthias Walden noch in das Otto-Suhr-Institut an der FU Berlin verfolgte – hier sind sie in der Tat am Platz.

Bedenklich erscheint uns das Vokabular, mit dem von den Studentenredakteuren nationalistische Parolen vertreten werden: "Sie nennen unsere ,Behandlung‘ dieser Frage (der Oder-Neiße-Linie) ‚einseitig‘. Einverstanden! Wir stehen ‚einseitig‘ auf der Seite des Rechts des deutschen Volkes, gegen die tollwütigen Exzesse des polnischen Chauvinismus und seine Förderung durch den sowjetischen Imperialismus und seine Komplizen in unserem Lande."

Bedenklich erscheint uns die Dummheit, mit der politische Irrlehren wieder aufgetischt werden: "Sie jammern, ‚alle antidemokratischen Gruppen der Rechten‘ hätten die Psychoanalyse als ‚jüdisch und zersetzend‘ denunziert. Nun? Beweist das, daß sie es nicht ist? ... Sie aber fahren fort in dem Versuch, die wirren Parolen einer vor Haß halb unsinnigen Gruppe von Emigranten als wissenschaftliches Falschgeld unter die Leute zu bringen. Die autoritäre Persöhlichkeit‘, die ‚F-Skala‘, das faschistische Syndrom‘ – das ist gemeingefährlicher Unsinn, rationalisiertes Ressentiment aus dem Arsenal der psychologischen Kriegsführung, Ist es unsere Schuld, daß die Matadoren dieses blasphemischen Aberwitzes meistens Juden sind? ... Wir wissend daß Sie in dem Exodus marxistischer Soziologen, freudianischer Psychologen und ‚Sexualwissenschaftler‘ à la Magnus Hirschfeld eine geistige Enthauptung’ dieses Landes sehen, Nun, dann war das Deutschland nach 1933 der kräftigste Geköpfte, den es je gab!"

Bedenklich erscheint uns schließlich die Infamie, mit der die Adressatin dieser Redakteursbriefe beschimpft wird: "Wir wissen nicht und wollen auch nicht wissen, ob Sie, Frau Pross, deutsche Staatsangehörige sind. Wir wissen aber, daß die Frage der Nationalität in Ihren Kreisen oft ziemlich schwierig ist. Wir wissen,... daß das Personal der ‚Politologie‘ und verwandter Disziplinen zu einem nicht geringen Teil aus Leuten mit doppelter, dreifacher oder gar keiner Nationalität besteht. Persönliches Schicksal’ hin und her – diese unklaren Verhältnisse tragen nicht eben dazu bei, unseren Glauben an die Kompetenz dieser Leute für deutsche Probleme zu stärken. Wir müssen zu Ihren Gunsten annehmen, daß Sie keine Deutsche sind." (Frau Pross wurde 1927 in Düsseldorf geboren.)

Den Herausgebern des Deutschen Studentenanzeigers geht es nicht um die Diskussion unterschiedlicher Meinungen; ihr mit "besten Empfehlungen" unterzeichneter Brief handelt von der "Erkenntnis der existentiellen Gegnerschaft". Alles in den Äußerungen läßt darauf schließen, daß die Verfasser zu keiner Unterhaltung bereit, ja nicht einmal dazu in der Lage sind. Wir wären Herrn Walden dankbar, wenn er erklärte, daß er solche Früchtchen nicht gewollt hat, wenn er sich also von ihnen genauso weit distanzierte wie vom SDS. Hilke Schlaeger