Hendrik Brugmans: Im Schmelztiegel der Geschichte. Vierzehn Stationen europäischer Entwicklung. C. Bertelsmann Verlag, Gütersloh; 158 Seiten, 16,80 DM

Was ist Europa? Keine geographische Realität, denn seine Grenzen haben sich im Laufe der Geschichte ständig verschoben, seine Zentren verlagert. Es beherbergt die verschiedenartigsten Landschaften und Klimata, Rassen und Kulturen.

Durch seine Geschichte ist Europa jedoch eine Schicksalsgemeinschaft. Seinen spezifischen Charakter erhält es einmal durch die Tradition des römischen Rechts, zum andern durch die kulturelle Überlieferung des antiken Griechenland.

Schließlich basiert europäischer Geist auf dem Christentum; die Normannen und Hunnen wurden erst zu Europäern, als sie sich angesiedelt und zum Christentum bekehrt hatten. So weit Europa eine Moral anerkennt, ist sie christlichen Ursprungs. Diese gemeinsame Wurzel des Christentums ist zum erstenmal durch den Kommunismus in Frage gestellt worden; insofern endet die eigentliche europäische Geschichte mit dem Eisernen Vorhang.

Der holländische Geschichtsprofessor Hendrik Brugmans, heute Rektor des Europa-College in Brügge, setzt sich in diesem Buch für eine europäische Föderation ein, in der die "Vaterländer" bestehen bleiben. Um europäisches Bewußtsein zu wecken, beschreibt er einzelne Stationen europäischer Geschichte, die für die weitere Entwicklung dieses Kontinents bedeutsam geworden sind.

So hat die Gründung von Byzanz (330) das Schicksal Europas bis heute geprägt, weil die Teilung des Römischen Reiches zum Untergang Westroms und zur Spaltung der christlichen Kirche in den römisch-katholischen und griechischorthodoxen Zweig führte. Pipin der Kurze begiündete die erste europäische Dynastie, indem er seine Krone vom Papst weihen ließ. Im dreizehnten Jahrhundert gelangten die Städte zu Macht und Bedeutung; das Bürgertum wie auch die Universitäten sind eine spezifisch europäische Erscheinung.

Karl V. dankte 1555 ab, weil sein Plan einer christlichen Union an der religiösen Spaltung und an der Entwicklung souveräner Nationalstaaten scheiterte; die Zeit der Weltreiche war dahin. In den Verhandlungen zum Westfälischen Frieden (1648) sprach man zum erstenmal in der Geschichte über alle wesentlichen europäischen Probleme; der Grundsatz der absoluten Souveränität der Staaten setzte sich durch.